Die Stadtwerke am Ende des Zweiten Weltkriegs
2025 wurde oft daran erinnert: an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren und an die Befreiung vom Nazi-Terror. Umso erschütternder, finde ich, da die Nachrichten heute wieder voll von Kriegsereignissen sind. In der Ukraine fordern die Angriffe Russlands viele Opfer und treffen immer wieder Versorgungs-Infrastruktur. Die Stadtwerke Tübingen haben schon Trafos, Busse und technisches Equipment für Krankenhäuser dort gespendet. Für mich lag die Frage nah: Was haben der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit eigentlich für die Stadtwerke und ihre Beschäftigten bedeutet? Und so geht es diesmal um Versorgungsnot und Sabotage, um Kohlediebe und Zwangsarbeiter. Und um ein Schwimmbad nur für die Besatzer. Ganz andere Zeiten, die viele von uns nur aus Erzählungen der älteren Generationen, aus Büchern oder Dokus kennen.
Ein schweres Thema ist das. Und ein schier unerschöpfliches. Doch keine Sorge: Ich gebe hier nur einen Überblick, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, und schildere euch anhand von einigen „Spotlights“ Ereignisse, die ich besonders spannend finde.
Gründlich aufbereitet haben dieses Kapitel der Unternehmensgeschichte zwei andere Historikerinnen für uns. Auf die swt-Jubiläumsbücher geht ein Großteil meines Textes zurück (siehe Quellen am Ende).
Spot an! Eine Szene vor 80 Jahren
28. April 1945. Ein Ingenieur und eine Handvoll Arbeiter machen sich am Neckarufer am Fuß des Schlossbergs zu schaffen. Im Hintergrund, das Gewehr im Anschlag, vier französische Soldaten. Die Alleenbrücke liegt in Trümmern. Ein Sprengsatz hat sie zerstört – und mit ihr eine lebenswichtige Hauptwasserleitung. Kein Wasser mehr für die Kliniken und Lazarette! Ein Fall von Sabotage? Oberingenieur Rudolf Graf, Interims-Stadtwerke-Chef, ist von den Besatzern als Geisel genommen worden. Tagelang begleiten ihn Wachsoldaten, bis er das Wasser wieder zum Laufen bringt: mit einer provisorischen Leitung aus Feuerwehrschläuchen. Aufatmen in weiten Teilen der Stadt …

Wie war das 1945 in Tübingen?
1945 erreichte der Krieg auch Tübingen, die Garnisons- und Lazarettstadt, wo rund 7.000 Verwundete gepflegt wurden. 95-mal gab es Fliegeralarm. Dass die Stadt haarscharf einem großen Luftangriff entging, verdankte sie dem mutigen Einsatz des Sanitätsarztes Theodor Dobler. Die Kriegsschäden in Tübingen blieben überschaubar, doch es gab einige – und die betrafen wichtige Versorgungseinrichtungen: Sprengbomben trafen am 15. Januar 1945 das Neckarwerk samt Kanalmauer und Stauwehr. Das Wasser floss ab, Stromerzeugung war nicht mehr möglich. (Übrigens: Wer in dieser Zeit von der Neckarbrücke hinab ins flache Wasser schaute, konnte dort „eine Unzahl von Parteiabzeichen und sonstigen nationalsozialistischen Emblemen“ sehen, die man wohl schnell hatte loswerden wollen.)



Am 17. April 1945 wurde das Gebiet zwischen dem Neckar, dem Güterbahnhof und der Kaserne an der Reutlinger Straße bombardiert. Einige Haupt-Versorgungsleitungen waren getroffen, ebenso das Pumpwerk in der Au. Es kam zum Totalausfall der Gasversorgung, zu Wassermangel und Stromausfällen. Zu Chaos und Plünderungen der Züge am Güterbahnhof.
Der Zerstörungsbefehl, Deckname „Schwabentreue“
Dem letzten Führer-Erlass („Nero-Befehl“) folgend, befahlen die Militärs, die Brücken und andere Infrastruktur zu zerstören, bevor sie die Verteidigung aufgaben. Glücklicherweise blieb die zentrale Eberhardsbrücke verschont. Am 19. April 1945 marschierten französische Truppen ohne Gegenwehr in Tübingen ein. Am Rathaus wurde die Trikolore gehisst.
Der Krieg war vorbei, es herrschte Not. Hunger, Hamstern, Lebensmittelkarten und Warentausch prägten die Tage. 1947 betrug die tägliche Brotration nur noch 200 Gramm. Es mangelte an Wohnraum. Etwa 5.000 französische Soldaten und Zivilisten zogen in Kasernen und beschlagnahmte Wohnungen ein. Dazu kamen Evakuierte. Die Stadt mit ihren knapp 36.000 Bewohnern war überfüllt. Strom gab es zuerst keinen, dann war er rationiert: Nur die Kliniken und Lazarette durften ihn zum Kochen verwenden. Die Menschen sammelten Tannenzapfen und Kleinholz, die sie im Herd verfeuerten.
Das Wasser fließt wieder
Nach der Sprengung der Alleenbrücke waren ganze Stadtteile ohne Trinkwasser. Dann kam es zu der anfangs geschilderten Szene mit dem Ingenieur Graf und den Feuerwehrschläuchen. Dank seiner Improvisationskunst gewann er das Vertrauen der Besatzer – und bekam daraufhin Material gestellt, um das kaputte Neckarwerk zu reparieren. Anfang 1946 ging es provisorisch wieder in Betrieb. Die Franzosen rechneten Graf hoch an, dass er den Befehl zur Sprengung des zweiten Wasserkraftwerks in der Rappenberghalde nicht ausgeführt hatte. Rudolf Graf, der NS-Parteimitglied gewesen war, wurde rehabilitiert.


Die Nachkriegsjahre
Es fehlten Material, Geräte und Fachkräfte. Nur 31 Stadtwerke-Beschäftigte (vor dem Krieg waren es etwa 85) mühten sich im Herbst 1945, die Energie- und Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Andere waren gefallen, in Gefangenschaft oder im Zuge der Entnazifizierung entlassen worden.
Die Franzosen führten ein strenges Regiment in ihrer Besatzungszone. Industrieanlagen und Maschinen wurden demontiert – auch in Frankreich herrschte Not. In Tübingen stellte die Militärregierung bei der Bestandsaufnahme schwere Schäden („grands dommages“) am Gaswerk fest. Hier wurde Gas aus Steinkohle produziert. Nach notdürftigen Reparaturen konnte es bald wieder anlaufen, doch Gas gab es höchstens für vier Stunden am Tag. Wer mehr Gas oder Kohle verbrauchte als erlaubt, musste mit hohen Geldstrafen rechnen. Und der Direktor der Stadtwerke wurde für Fehlbestände persönlich verantwortlich gemacht und sogar inhaftiert.
Spot an! Stadtwerke-Chef in Haft
120 Tonnen Kohle verschwunden! Das musste Hermann Appel im Mai 1946 melden. Der technische Direktor, seit Kurzem zurück aus der Kriegsgefangenschaft, kam in Erklärungsnot. Hatte man seit Monaten schon die Zuteilungsmengen überschritten? Oder war die Kohle schon während des Transports nach Tübingen aus den Güterzügen abhandengekommen? Kohleklau war an der Tagesordnung – und der Winter sehr kalt gewesen. Auch auf dem Werksgelände, wo Notleidende von den Schlackebergen Koks aufsammeln durften, kam Kohle fort. Das lange Schreiben des Direktors Appel überzeugte die Militärregierung nicht. Sie verurteilte ihn am 1. Juli 1946 zu acht Monaten Haft und einer Geldstrafe von 5.000 Reichsmark. Erst drei Jahre später konnte er auf seinen Posten zurückkehren. Da war das Gaswerk stillgelegt, Tübingen bekam nun Ferngas aus Reutlingen.


Rückblende: Nationalsozialismus und Kriegswirtschaft
Ich frage mich: Wie hatten zuvor NS-Politik und Aufrüstung den Alltag bei den Stadtwerken geprägt? Wie sehr war man verstrickt in die Nazi-Diktatur? Im Firmenarchiv und in unseren Büchern werde ich fündig – und so schauen wir nun doch kurz zurück in die 1930er-Jahre.
Gleich ab der Machtergreifung 1933 stand auch der Stadtwerke-Alltag im Zeichen der Kriegsvorbereitung. Das Innenministerium verlangte, die Bewachung lebenswichtiger Betriebe zu organisieren – für den Fall von „Streiks und Unruhen“. Alle Stadtwerke-Mitarbeiter mussten zu Luftschutzhelfern ausgebildet werden und bekamen jeden Samstagnachmittag Unterricht in Theorie und Praxis. Im Gaswerk wurden ein „Stinkraum“ und eine Hindernisbahn für Übungen mit der Gasmaske eingerichtet, außerdem ein Bretterboden, um die Wirkung von Brandbomben zu demonstrieren. Später kamen Katastrophenschutz- und Verdunklungsübungen dazu. Der Werkschutz war stets in Alarmbereitschaft – Helme, Stiefel und Gasmasken warteten einsatzbereit im Spind.



Gleichschaltung und Führerprinzip
Im April 1935 trat eine neue Gemeindeordnung in Kraft: Der NS-Fraktionsvorsitzende Dr. Ernst Weinmann wurde zum 1. Bürgermeister und Stellvertreter des OB Adolf Scheef. Da die Energiewirtschaft der Aufsicht des Reiches unterstand, war Weinmann auch für die Stadtwerke verantwortlich. Der engagierte, langjährige Werkleiter Otto Henig wurde auf rein technische Aufgaben begrenzt. Als eigenständiger, kreativer Kopf erregte er Misstrauen. Zwar trat er der NSDAP bei, passte sich auch dem Sprachduktus an, doch da er zuvor bei der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) aktiv gewesen war, wurde er streng beobachtet. Schon im Juli 1934 hatte Weinmann ihn im Gemeinderat scharf angegriffen, sich der „Neuordnung des öffentlichen Lebens“ zu widersetzen. Die Zeitung berichtete darüber. Henig fügte sich und blieb bis zu seinem Ruhestand 1938.
Die Stadtwerke – Dienstleister für den Krieg
Immer dreister forderte die Partei Geld, Raumausstattung oder Sachmittel von der Stadt – und oft wurde das an die Stadtwerke delegiert. Die Wunschliste wurde immer länger. Kostenloser Strom für die Hitler-Jugend? Abgelehnt, doch dafür bekam sie gratis Koks geliefert – wie auch die NS-Frauenschaft, die NSDAP-Kreisleitung und andere Parteiorganisationen. Die Stadtwerke bezahlten für
- Massenkundgebungen wie den jährlichen Heldengedenktag am 1. Mai,
- Volksempfänger, Lautsprecheranlagen und Plakate,
- eine Turnhalle in Lustnau für die „zukünftige Kampfjugend“ (1938),
- andere Neubauten wie die Motorsportschule und die NS-Hinderniskampfbahn,
- und die jährliche „Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft“.
Für dringende Arbeiten oder Reparaturen an Anlagen und Netzen blieb daher wenig Geld übrig.






Dann kam der Krieg. Für die Tübinger Stadtwerke war vor allem der Kohlemangel ein riesiges Problem. Das Uhlandbad blieb immer wieder zu. Die Schulen gaben Kohleferien. Bald waren die Kohlelieferungen für das Gaswerk so dürftig, dass die Bevölkerung aufgerufen wurde, wo immer möglich Energie zu sparen. Da das wenig brachte, musste zwangsrationiert werden.


Gespenstisch nah kommt mir das vor: Auch wir haben ja vor nicht langer Zeit Gas sparen müssen, als es infolge des Kriegs in der Ukraine zur Energiekrise kam.
Personalnot und Zwangsarbeit
Ab der Mobilmachung im September 1939 fehlten Arbeitskräfte überall. Die Stadtwerke setzten die Arbeitszeit herauf – und sie stellten mehr Frauen als Zähler-Ableserinnen und Kassiererinnen ein, auch Studenten wurden angeworben. Der neue technische Werkleiter Hermann Appel wurde 1941 als Funker einberufen. Rudolf Graf vertrat ihn. Als er, der nunmehr wichtigste Fachmann, dann von der Organisation Todt angefordert wurde, kämpfte die Stadt mit Erfolg darum, ihn zu halten.
Ab 1943 wurden Zwangsarbeiter in Tübingen eingesetzt, in den Rüstungsbetrieben, bei der Stadt und Universität, etwa 1.600 insgesamt. Die Stadtwerke bekamen 24, meist russische, ukrainische oder polnische „Fremdarbeiter“ zugeteilt, die im Gaswerk schuften mussten. Kost und Logis wurde ihnen vom Hungerlohn abgezogen.






Spot an! Recherche-Besuch im Stadtarchiv
Vor einigen Jahren bekamen wir eine interessante Anfrage: Der Niederländer Rinus Nuijten kam auf den Spuren seines Vaters, eines ehemaligen Zwangsarbeiters, nach Tübingen, um über das Gaswerk zu recherchieren. Antje Zacharias vom Stadtarchiv erzählt in einem Beitrag auf der städtischen Homepage davon, ich zitiere (gekürzt):
Wie viele junge Männer aus besetzten Gebieten musste Baptist Johannes Nuijten Zwangsarbeit im Deutschen Reich leisten. Zusammen mit drei anderen Niederländern, alle Jahrgang 1924, trat er am 23. Juni 1943 den Arbeitsdienst im Tübinger Gaswerk an.
Einmal kehrte er nach dem Krieg nach Tübingen zurück, 1968 vom Schwarzwald-Urlaub aus. Dabei entstand ein Foto von Vater und Sohn. „Wir stehen neben dem Gebäude, in welchem mein Vater im Krieg untergebracht war“, so Nujiten. Die Baracke, 1934 errichtet für einen Vortrags- und Schulungsraum, diente während des Krieges als Unterkunft für die im Gaswerk beschäftigten ausländischen Arbeiter. „Da gab es Stroh und Flöhe“ sagt Rinus Nuijten und erwähnt, dass sein Vater dort „nicht eingesperrt gewesen sei und in seiner Freizeit in die Stadt gehen konnte“. Der junge Schlosser hatte allerdings wenig freie Stunden.
Die Arbeitszeit betrug 50 bis 70 Stunden die Woche, der Stundenlohn 72, zuletzt 78 Pfennige. „An seinem letzten Arbeitstag, am 17. April 1945, arbeitete er nochmals 12 Stunden. Am Nachmittag dieses Tages gab es schwere Luftangriffe, die u.a. zum Totalausfall der Gasversorgung führten. Am nächsten Tag endete für ihn und seine drei Landsleute, für zwei Belgier, einen Franzosen, drei Russen, drei Ukrainer und eine Ukrainerin die Zwangsarbeit im Gaswerk, bevor am 19. April französische Truppen Tübingen besetzten.“


Für viele der „Displaced Persons“, vor allem für „Ostarbeiter“ aus Russland und Polen, darunter auch Frauen und Kinder, verzögerten sich die Rücktransporte. 1947 lebten immer noch 900 von ihnen in der Stadt. Fast 60 Jahre dauerte es, bis die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ dieses Unrecht aufarbeitete. 2001 beteiligten sich auch die Stadtwerke an dem Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter. Doch für viele kam diese symbolische Geste zu spät.
Spot an! „Piscine militaire“ – das Uhlandbad nach dem Krieg
Zum Schluss schauen wir noch ins Schwimmbad: In den Dokumenten der Nachkriegszeit, die ich in unserem Archiv finde, kommt immer wieder das Uhlandbad vor, mit seinen Wannen und Duschen damals das „Badezimmer der Altstadt“. Das warme Wasser fürs Schwimmbecken kam durch eine praktische Fernleitung aus dem Gaswerk. Schon während des Krieges öffnete das Bad nur eingeschränkt, nach den Bombenschäden an der Fernwärmeleitung war ganz Schluss. Im Mai 1945 beschlagnahmte das französischen Militär das Uhlandbad – und stellte der Stadt 1.000 Reichsmark Strafe in Rechnung, da nicht richtig geheizt werden konnte. Die Kessel im Keller reichten bei Weitem nicht – obwohl die Franzosen Kohle beschafften und mit Hilfe der Feuerwehr Wasser aus dem Neckar gepumpt wurde. 1946 wurden zwar wieder Wannen- und Brausebäder angeboten – allerdings nicht für Tübingerinnen und Tübinger, sondern nur für Angehörige der Besatzungsmacht. Das Uhlandbad war zuallererst „piscine militaire“. Und die Schwimmhalle blieb zu.
Eine Zeitzeugin erzählt
Elisabeth Buchhalter, die als Tochter des Bademeisters damals im Uhlandbad wohnte, erinnert sich an die große Aufregung, als ihr Vater an Pfingsten als „prisonnier“ abgeführt wurde. An Feiertagen war normalerweise nicht geöffnet – dass aber der Pfingstmontag in Frankreich kein Feiertag war, wusste niemand. Abermals musste die Stadt Strafe zahlen.

Die Tübinger dürfen wieder baden
1947 öffnete das Wannenbad II. Klasse immerhin zweimal pro Woche für die Öffentlichkeit. Für Vereine und Schulen wurden Schwimmzeiten freigegeben. Doch das Heizen und die Hygiene machten Probleme. Das warme Wasser aus dem maroden Gaswerk reichte nicht mehr, kam zu kalt im Bad an, die Fernleitung war undicht geworden. Kessel waren natürlich nicht lieferbar. Vorübergehend nutze man einen Dampfkessel im Gaswerk – doch woher Brennstoff nehmen? Viele Briefe an alle möglichen Behörden sind erhalten, die „im Interesse der Volksgesundheit“ dringend um Kokszuteilung bitten.
In der Schwimmhalle hätten sie höchstens 15 bis 17 Grad, lese ich in einem Bericht des Bademeisters. Nur einmal pro Woche könne er das Becken frisch füllen – bis dann samstags die Schulkinder kommen dürften, sei es „widerwärtig schmutzig“. Es gab keine Filteranlage, Desinfektionsmittel waren nicht zu bekommen. Das Gesundheitsamt schritt ein. Oft standen die Badegäste vor verschlossenen Türen. Ausführlicher habe ich diese Geschichte auf unserer Homepage erzählt.


Der Neustart – im Uhlandbad und überall sonst
Mit der Währungsreform 1948 und dem Marschallplan ging es aufwärts in der jungen Bundesrepublik. Die Zwangswirtschaft war endlich vorbei. Bei den Stadtwerken stieg die Mitarbeiterzahl schnell auf 115. Das Uhlandbad bekam einen neuen Heizkessel und die Erlaubnis, Koks aus dem stillgelegten Gaswerk zu verfeuern. Ein Heizer zog mit Familie in eine der Dienstwohnungen ein. Wannen- und Brausebäder sowie das Dampfbad öffneten wieder für alle. Nachdem eine Umwälz- und Filteranlage eingebaut war, auch die Schwimmhalle. Allerdings blieb sie an drei Wochentagen exklusiv für die französischen Truppen reserviert. Erst 1956 endete die Beschlagnahme.
In der Nachbarschaft
Die Franzosen blieben bis 1991 in Tübingen, als Bündnispartner. Aus meinem Stadtwerke-Büro (übrigens am Standort des alten Gaswerks) kann ich hinüberschauen zu den ehemaligen Kasernen im Französischen Viertel, das zum Vorzeige-Quartier geworden ist. Und zu den Siedlungen, die Anfang der 50er-Jahre für Spätheimkehrer und Kriegsflüchtlinge entstanden waren. Rund 7.000 „Heimatvertriebene“ nahm Tübingen damals auf, viele Straßennamen rings um die Stadtwerke (Marienburger, Königsberger, Breslauer Straße) erinnern an die ehemaligen deutschen Ostgebiete. So fern und doch so nah ist die Geschichte.
Quellen und Lesetipps:
- swt (Hrsg.): Johanna Petersmann, Energisch für Tübingen. 140 Jahre Gas, 100 Jahre Strom, TÜ 2002
- swt (Hrsg.): Carmen Palm, Wir wirken mit. Seit 150 Jahren: Stadtwerke Tübingen, TÜ 2012
- Homepage der swt: Birgit Krämer, Geschichten aus dem Uhlandbad, Folge 11: „Piscine militaire“ – Elisabeth Buchhalter erzählt vom schwierigen Neuanfang in der Nachkriegszeit
- Homepage der Stadt: Die Franzosen in Tübingen
- Homepage der Stadt: Antje Zacharias: Auf den Spuren eines jungen Niederländers, der während des Kriegs Zwangsarbeit im Gaswerk leistete, 2022
- Udo Rauch: Tübingen bei Kriegsende. Memento vom 8. Oktober 2006, TÜpedia
- Bilder, falls nicht anders vermerkt: swt-Archiv
Die Autorin:
Birgit Krämer ist gern auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs, die von guten und bösen Zeiten erzählen. Ihrer Heimatstadt Mainz, die im Zweiten Weltkrieg zu über 80 Prozent zerstört wurde, sind diese Narben bis heute anzusehen. Daher ist sie immer wieder entzückt von der unversehrten Altstadt Tübingens.
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