Vor 80 Jahren: Kohleklau und Wassernot

Die Stadtwerke am Ende des Zweiten Weltkriegs

Ein schweres Thema ist das. Und ein schier unerschöpfliches. Doch keine Sorge: Ich gebe hier nur einen Überblick, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, und schildere euch anhand von einigen „Spotlights“ Ereignisse, die ich besonders spannend finde.

28. April 1945. Ein Ingenieur und eine Handvoll Arbeiter machen sich am Neckarufer am Fuß des Schlossbergs zu schaffen. Im Hintergrund, das Gewehr im Anschlag, vier französische Soldaten. Die Alleenbrücke liegt in Trümmern. Ein Sprengsatz hat sie zerstört – und mit ihr eine lebenswichtige Hauptwasserleitung. Kein Wasser mehr für die Kliniken und Lazarette! Ein Fall von Sabotage? Oberingenieur Rudolf Graf, Interims-Stadtwerke-Chef, ist von den Besatzern als Geisel genommen worden. Tagelang begleiten ihn Wachsoldaten, bis er das Wasser wieder zum Laufen bringt: mit einer provisorischen Leitung aus Feuerwehrschläuchen. Aufatmen in weiten Teilen der Stadt …

Notwasserleitung über den Neckar 1945
Notwasserleitung 1945: Mit Feuerwehrschläuchen stellte Rudolf Graf die Versorgung der Kliniken wieder her. Das Wasser kam von Wildermuth- und Lindenbrunnen südlich des Neckars.

Wie war das 1945 in Tübingen?

1945 erreichte der Krieg auch Tübingen, die Garnisons- und Lazarettstadt, wo rund 7.000 Verwundete gepflegt wurden. 95-mal gab es Fliegeralarm. Dass die Stadt haarscharf einem großen Luftangriff entging, verdankte sie dem mutigen Einsatz des Sanitätsarztes Theodor Dobler. Die Kriegsschäden in Tübingen blieben überschaubar, doch es gab einige – und die betrafen wichtige Versorgungseinrichtungen: Sprengbomben trafen am 15. Januar 1945 das Neckarwerk samt Kanalmauer und Stauwehr. Das Wasser floss ab, Stromerzeugung war nicht mehr möglich. (Übrigens: Wer in dieser Zeit von der Neckarbrücke hinab ins flache Wasser schaute, konnte dort „eine Unzahl von Parteiabzeichen und sonstigen nationalsozialistischen Emblemen“ sehen, die man wohl schnell hatte loswerden wollen.)

Am 17. April 1945 wurde das Gebiet zwischen dem Neckar, dem Güterbahnhof und der Kaserne an der Reutlinger Straße bombardiert. Einige Haupt-Versorgungsleitungen waren getroffen, ebenso das Pumpwerk in der Au. Es kam zum Totalausfall der Gasversorgung, zu Wassermangel und Stromausfällen. Zu Chaos und Plünderungen der Züge am Güterbahnhof.

Der Zerstörungsbefehl, Deckname „Schwabentreue“

Dem letzten Führer-Erlass („Nero-Befehl“) folgend, befahlen die Militärs, die Brücken und andere Infrastruktur zu zerstören, bevor sie die Verteidigung aufgaben. Glücklicherweise blieb die zentrale Eberhardsbrücke verschont. Am 19. April 1945 marschierten französische Truppen ohne Gegenwehr in Tübingen ein. Am Rathaus wurde die Trikolore gehisst.

Der Krieg war vorbei, es herrschte Not. Hunger, Hamstern, Lebensmittelkarten und Warentausch prägten die Tage. 1947 betrug die tägliche Brotration nur noch 200 Gramm. Es mangelte an Wohnraum. Etwa 5.000 französische Soldaten und Zivilisten zogen in Kasernen und beschlagnahmte Wohnungen ein. Dazu kamen Evakuierte. Die Stadt mit ihren knapp 36.000 Bewohnern war überfüllt. Strom gab es zuerst keinen, dann war er rationiert: Nur die Kliniken und Lazarette durften ihn zum Kochen verwenden. Die Menschen sammelten Tannenzapfen und Kleinholz, die sie im Herd verfeuerten.

Das Wasser fließt wieder

Nach der Sprengung der Alleenbrücke waren ganze Stadtteile ohne Trinkwasser. Dann kam es zu der anfangs geschilderten Szene mit dem Ingenieur Graf und den Feuerwehrschläuchen. Dank seiner Improvisationskunst gewann er das Vertrauen der Besatzer – und bekam daraufhin Material gestellt, um das kaputte Neckarwerk zu reparieren. Anfang 1946 ging es provisorisch wieder in Betrieb. Die Franzosen rechneten Graf hoch an, dass er den Befehl zur Sprengung des zweiten Wasserkraftwerks in der Rappenberghalde nicht ausgeführt hatte. Rudolf Graf, der NS-Parteimitglied gewesen war, wurde rehabilitiert.

Rudolf Graf, Interims-Chef der Stadtwerke während des Zweiten Weltkriegs
Rudolf Graf, 1925-1959 Betriebsingenieur bei den Stadtwerken

Die Nachkriegsjahre

Es fehlten Material, Geräte und Fachkräfte. Nur 31 Stadtwerke-Beschäftigte (vor dem Krieg waren es etwa 85) mühten sich im Herbst 1945, die Energie- und Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Andere waren gefallen, in Gefangenschaft oder im Zuge der Entnazifizierung entlassen worden.

Die Franzosen führten ein strenges Regiment in ihrer Besatzungszone. Industrieanlagen und Maschinen wurden demontiert – auch in Frankreich herrschte Not. In Tübingen stellte die Militärregierung bei der Bestandsaufnahme schwere Schäden („grands dommages“) am Gaswerk fest. Hier wurde Gas aus Steinkohle produziert. Nach notdürftigen Reparaturen konnte es bald wieder anlaufen, doch Gas gab es höchstens für vier Stunden am Tag. Wer mehr Gas oder Kohle verbrauchte als erlaubt, musste mit hohen Geldstrafen rechnen. Und der Direktor der Stadtwerke wurde für Fehlbestände persönlich verantwortlich gemacht und sogar inhaftiert.

120 Tonnen Kohle verschwunden! Das musste Hermann Appel im Mai 1946 melden. Der technische Direktor, seit Kurzem zurück aus der Kriegsgefangenschaft, kam in Erklärungsnot. Hatte man seit Monaten schon die Zuteilungsmengen überschritten? Oder war die Kohle schon während des Transports nach Tübingen aus den Güterzügen abhandengekommen? Kohleklau war an der Tagesordnung – und der Winter sehr kalt gewesen. Auch auf dem Werksgelände, wo Notleidende von den Schlackebergen Koks aufsammeln durften, kam Kohle fort. Das lange Schreiben des Direktors Appel überzeugte die Militärregierung nicht. Sie verurteilte ihn am 1. Juli 1946 zu acht Monaten Haft und einer Geldstrafe von 5.000 Reichsmark. Erst drei Jahre später konnte er auf seinen Posten zurückkehren. Da war das Gaswerk stillgelegt, Tübingen bekam nun Ferngas aus Reutlingen.

Hermann Appel, Stadtwerke Direktor
Hermann Appel, Stadtwerke-Direktor 1938-1965
Nach dem Krieg stillgelegtes Tübinger Gaswerk in den 1950er-Jahren, Luftbild
Das 1948 stillgelegte Gaswerk mit Kokshalde (oben), dem Ofenhaus (darunter) und Gasometern (rechts). Luftbild von 1956. Heute befindet hier das swt-Verwaltungsgebäude.  

Rückblende: Nationalsozialismus und Kriegswirtschaft

Ich frage mich: Wie hatten zuvor NS-Politik und Aufrüstung den Alltag bei den Stadtwerken geprägt? Wie sehr war man verstrickt in die Nazi-Diktatur? Im Firmenarchiv und in unseren Büchern werde ich fündig – und so schauen wir nun doch kurz zurück in die 1930er-Jahre.

Gleich ab der Machtergreifung 1933 stand auch der Stadtwerke-Alltag im Zeichen der Kriegsvorbereitung. Das Innenministerium verlangte, die Bewachung lebenswichtiger Betriebe zu organisieren – für den Fall von „Streiks und Unruhen“. Alle Stadtwerke-Mitarbeiter mussten zu Luftschutzhelfern ausgebildet werden und bekamen jeden Samstagnachmittag Unterricht in Theorie und Praxis. Im Gaswerk wurden ein „Stinkraum“ und eine Hindernisbahn für Übungen mit der Gasmaske eingerichtet, außerdem ein Bretterboden, um die Wirkung von Brandbomben zu demonstrieren. Später kamen Katastrophenschutz- und Verdunklungsübungen dazu. Der Werkschutz war stets in Alarmbereitschaft – Helme, Stiefel und Gasmasken warteten einsatzbereit im Spind.

Vorbereitung für den Krieg: Werkschutzgruppe der Stadtwerke nach einer Übung am Neckar
Die Werkschutzgruppe nach einer Übung am Neckarwerk mit Gasmasken und Helmen 1933
Stadtwerke-Monteure mit Handkarren in er Mühlstraße
Stadtwerke-Monteure mit Handkarren in der Mühlstraße, Anfang 1930er-Jahre
Übersicht über den Besuch des Uhlandbads durch Vereine und NS-Gruppen
Während „Juden und Fremdrassigen“ der Zutritt zum städtischen Neckar-Freibad ab Mai 1933 aus Gründen der „psychischen Rassehygiene“ verboten war, galt das im Uhlandbad nicht. Schwimmzeiten bekamen nun auch Reichswehr, SA und SS-Stürme, SA Sanitätsschule und Hitler-Jugend, DJ, BdM, Arbeitsdienst und Motorsportschule.
Gleichschaltung und Führerprinzip

Im April 1935 trat eine neue Gemeindeordnung in Kraft: Der NS-Fraktionsvorsitzende Dr. Ernst Weinmann wurde zum 1. Bürgermeister und Stellvertreter des OB Adolf Scheef. Da die Energiewirtschaft der Aufsicht des Reiches unterstand, war Weinmann auch für die Stadtwerke verantwortlich. Der engagierte, langjährige Werkleiter Otto Henig wurde auf rein technische Aufgaben begrenzt. Als eigenständiger, kreativer Kopf erregte er Misstrauen. Zwar trat er der NSDAP bei, passte sich auch dem Sprachduktus an, doch da er zuvor bei der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) aktiv gewesen war, wurde er streng beobachtet. Schon im Juli 1934 hatte Weinmann ihn im Gemeinderat scharf angegriffen, sich der „Neuordnung des öffentlichen Lebens“ zu widersetzen. Die Zeitung berichtete darüber. Henig fügte sich und blieb bis zu seinem Ruhestand 1938.

Werkleiter Otto Henig (1904-1938)
Otto Henig, Technischer Werkleiter 1904-1938
Die Stadtwerke – Dienstleister für den Krieg

Immer dreister forderte die Partei Geld, Raumausstattung oder Sachmittel von der Stadt – und oft wurde das an die Stadtwerke delegiert. Die Wunschliste wurde immer länger. Kostenloser Strom für die Hitler-Jugend? Abgelehnt, doch dafür bekam sie gratis Koks geliefert – wie auch die NS-Frauenschaft, die NSDAP-Kreisleitung und andere Parteiorganisationen. Die Stadtwerke bezahlten für

  • Massenkundgebungen wie den jährlichen Heldengedenktag am 1. Mai,
  • Volksempfänger, Lautsprecheranlagen und Plakate,
  • eine Turnhalle in Lustnau für die „zukünftige Kampfjugend“ (1938),
  • andere Neubauten wie die Motorsportschule und die NS-Hinderniskampfbahn,
  • und die jährliche „Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft“.

Für dringende Arbeiten oder Reparaturen an Anlagen und Netzen blieb daher wenig Geld übrig.

Aufenthaltsraum für Stadtwerke-Mitarbeiter 1938 mit Hitler-Bild und Hakenkreuzfahnet
Im Juli 1938 entstand ein neuer „würdiger Aufenthaltsraum“ für Mitarbeiter in der Nonnengasse.

Dann kam der Krieg. Für die Tübinger Stadtwerke war vor allem der Kohlemangel ein riesiges Problem. Das Uhlandbad blieb immer wieder zu. Die Schulen gaben Kohleferien. Bald waren die Kohlelieferungen für das Gaswerk so dürftig, dass die Bevölkerung aufgerufen wurde, wo immer möglich Energie zu sparen. Da das wenig brachte, musste zwangsrationiert werden.

Bericht über  unzureichende Kohlelieferungen im Krieg, Februar 1940
Bericht aus Beiratssitzung der Stadtwerke 9.2.1940 über Kohlemangel im Gaswerk
Plakat "Spare Gas für die Rüstung"
Mit solchen Plakaten wurde zum Energiesparen aufgerufen. (Quelle: H. Trurnit, Geschichten hinterm Zähler)

Gespenstisch nah kommt mir das vor: Auch wir haben ja vor nicht langer Zeit Gas sparen müssen, als es infolge des Kriegs in der Ukraine zur Energiekrise kam.

Personalnot und Zwangsarbeit

Ab der Mobilmachung im September 1939 fehlten Arbeitskräfte überall. Die Stadtwerke setzten die Arbeitszeit herauf – und sie stellten mehr Frauen als Zähler-Ableserinnen und Kassiererinnen ein, auch Studenten wurden angeworben. Der neue technische Werkleiter Hermann Appel wurde 1941 als Funker einberufen. Rudolf Graf vertrat ihn. Als er, der nunmehr wichtigste Fachmann, dann von der Organisation Todt angefordert wurde, kämpfte die Stadt mit Erfolg darum, ihn zu halten.

Ab 1943 wurden Zwangsarbeiter in Tübingen eingesetzt, in den Rüstungsbetrieben, bei der Stadt und Universität, etwa 1.600 insgesamt. Die Stadtwerke bekamen 24, meist russische, ukrainische oder polnische „Fremdarbeiter“ zugeteilt, die im Gaswerk schuften mussten. Kost und Logis wurde ihnen vom Hungerlohn abgezogen.  

Arbeitskarte einer polnischen Zwangsarbeiterin
Arbeitskarte für polnische Zwangsarbeiterin (Stadtarchiv Tübingen)
Gruppenbild junger Zwangsarbeiter aus der Region Charkiw, Himmelwerk Tübingen
Junge „Ostarbeiter“ der Tübinger Himmelwerk AG, die aus der Region Charkiw stammten, 1943 (Stadtarchiv Tübingen)
Aus dem "Sachbuch" (Kassenbuch) der Stadtwerke / Tübinger Gaswerk: Abrechnungen von Löhnen, Kleidung, Unterkunft für "Ostarbeiter"
Die Buchhaltung hat gestimmt. Das Rechnungsbuch der Stadtwerke von 1944 weist Kosten für Lohn, Unterkünfte und Ausstattung von Kriegsgefangenen und „Ostarbeitern“ aus.

Vor einigen Jahren bekamen wir eine interessante Anfrage: Der Niederländer Rinus Nuijten kam auf den Spuren seines Vaters, eines ehemaligen Zwangsarbeiters, nach Tübingen, um über das Gaswerk zu recherchieren. Antje Zacharias vom Stadtarchiv erzählt in einem Beitrag auf der städtischen Homepage davon, ich zitiere (gekürzt):



Für viele der „Displaced Persons“, vor allem für „Ostarbeiter“ aus Russland und Polen, darunter auch Frauen und Kinder, verzögerten sich die Rücktransporte. 1947 lebten immer noch 900 von ihnen in der Stadt. Fast 60 Jahre dauerte es, bis die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ dieses Unrecht aufarbeitete. 2001 beteiligten sich auch die Stadtwerke an dem Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter. Doch für viele kam diese symbolische Geste zu spät.

Zum Schluss schauen wir noch ins Schwimmbad: In den Dokumenten der Nachkriegszeit, die ich in unserem Archiv finde, kommt immer wieder das Uhlandbad vor, mit seinen Wannen und Duschen damals das „Badezimmer der Altstadt“. Das warme Wasser fürs Schwimmbecken kam durch eine praktische Fernleitung aus dem Gaswerk. Schon während des Krieges öffnete das Bad nur eingeschränkt, nach den Bombenschäden an der Fernwärmeleitung war ganz Schluss. Im Mai 1945 beschlagnahmte das französischen Militär das Uhlandbad – und stellte der Stadt 1.000 Reichsmark Strafe in Rechnung, da nicht richtig geheizt werden konnte. Die Kessel im Keller reichten bei Weitem nicht – obwohl die Franzosen Kohle beschafften und mit Hilfe der Feuerwehr Wasser aus dem Neckar gepumpt wurde. 1946 wurden zwar wieder Wannen- und Brausebäder angeboten – allerdings nicht für Tübingerinnen und Tübinger, sondern nur für Angehörige der Besatzungsmacht. Das Uhlandbad war zuallererst „piscine militaire“. Und die Schwimmhalle blieb zu.  

Eine Zeitzeugin erzählt

Elisabeth Buchhalter, die als Tochter des Bademeisters damals im Uhlandbad wohnte, erinnert sich an die große Aufregung, als ihr Vater an Pfingsten als „prisonnier“ abgeführt wurde. An Feiertagen war normalerweise nicht geöffnet – dass aber der Pfingstmontag in Frankreich kein Feiertag war, wusste niemand. Abermals musste die Stadt Strafe zahlen.

Uhlandbad Tübingen 1914, Blick in die Schwimmhalle mit Gewölbe

Die Tübinger dürfen wieder baden

1947 öffnete das Wannenbad II. Klasse immerhin zweimal pro Woche für die Öffentlichkeit. Für Vereine und Schulen wurden Schwimmzeiten freigegeben. Doch das Heizen und die Hygiene machten Probleme. Das warme Wasser aus dem maroden Gaswerk reichte nicht mehr, kam zu kalt im Bad an, die Fernleitung war undicht geworden. Kessel waren natürlich nicht lieferbar. Vorübergehend nutze man einen Dampfkessel im Gaswerk – doch woher Brennstoff nehmen? Viele Briefe an alle möglichen Behörden sind erhalten, die „im Interesse der Volksgesundheit“ dringend um Kokszuteilung bitten.

In der Schwimmhalle hätten sie höchstens 15 bis 17 Grad, lese ich in einem Bericht des Bademeisters. Nur einmal pro Woche könne er das Becken frisch füllen – bis dann samstags die Schulkinder kommen dürften, sei es „widerwärtig schmutzig“. Es gab keine Filteranlage, Desinfektionsmittel waren nicht zu bekommen. Das Gesundheitsamt schritt ein. Oft standen die Badegäste vor verschlossenen Türen. Ausführlicher habe ich diese Geschichte auf unserer Homepage erzählt.

Der Neustart – im Uhlandbad und überall sonst

Mit der Währungsreform 1948 und dem Marschallplan ging es aufwärts in der jungen Bundesrepublik. Die Zwangswirtschaft war endlich vorbei. Bei den Stadtwerken stieg die Mitarbeiterzahl schnell auf 115. Das Uhlandbad bekam einen neuen Heizkessel und die Erlaubnis, Koks aus dem stillgelegten Gaswerk zu verfeuern. Ein Heizer zog mit Familie in eine der Dienstwohnungen ein. Wannen- und Brausebäder sowie das Dampfbad öffneten wieder für alle. Nachdem eine Umwälz- und Filteranlage eingebaut war, auch die Schwimmhalle. Allerdings blieb sie an drei Wochentagen exklusiv für die französischen Truppen reserviert. Erst 1956 endete die Beschlagnahme.

Zeitungs-Anzeige März 1949: Körperbeschädigte haben kostenlosen Eintritt ins Uhlandbad
Zeitungsanzeige: Ab März 1949 dürfen Körperbeschädigte das Bad kostenlos nutzen.
In der Nachbarschaft

Die Franzosen blieben bis 1991 in Tübingen, als Bündnispartner. Aus meinem Stadtwerke-Büro (übrigens am Standort des alten Gaswerks) kann ich hinüberschauen zu den ehemaligen Kasernen im Französischen Viertel, das zum Vorzeige-Quartier geworden ist. Und zu den Siedlungen, die Anfang der 50er-Jahre für Spätheimkehrer und Kriegsflüchtlinge entstanden waren. Rund 7.000 „Heimatvertriebene“ nahm Tübingen damals auf, viele Straßennamen rings um die Stadtwerke (Marienburger, Königsberger, Breslauer Straße) erinnern an die ehemaligen deutschen Ostgebiete. So fern und doch so nah ist die Geschichte.


Birgit Krämer

Die Autorin:
Birgit Krämer ist gern auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs, die von guten und bösen Zeiten erzählen. Ihrer Heimatstadt Mainz, die im Zweiten Weltkrieg zu über 80 Prozent zerstört wurde, sind diese Narben bis heute anzusehen. Daher ist sie immer wieder entzückt von der unversehrten Altstadt Tübingens.

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