Reisen bildet. Vor allem, wenn man anderswo richtig in den Alltag eintauchen kann. Seit fast 40 Jahren ermöglicht das Erasmus-Programm der EU jungen Menschen Auslandserfahrungen. Nicht nur Studierende, auch Auszubildende können mitmachen bei Erasmus+. Eine, die es ausprobiert hat, erzählt uns davon: Felicitas Schröder, kaufmännische Auszubildende bei den Stadtwerken. Sie war Ende 2025 in Norditalien. Wie ist das Arbeiten, wo andere Urlaub machen?

Felicitas Schröder ist im dritten Ausbildungsjahr zur Kauffrau für Büromanagement. Im Juni 2026 hat sie ihre mündliche Prüfung, die Schriftlichen stehen kurz bevor. Ich kenne sie, seit sie – wie alle kaufmännischen Azubis – einige Wochen bei uns in der Öffentlichkeitsarbeit verbracht hat. Regelmäßig postet sie seither Azubi-Themen auf den Social-Media-Kanälen der Stadtwerke und ist da sehr kreativ. Eine Sache kann sie in ihrer Azubi-Laufbahn vorweisen, die (noch) nicht so üblich ist: Sie war mit Erasmus+ vier Wochen lang in Italien – für ein Auslandspraktikum.
Am Anfang war ein Flyer
Mich hat das überrascht: Ich kannte ich Erasmus nur im Uni-Kontext. Wie kam es dazu? Felicitas erzählt: „In der Berufsschule wurde Werbung für Erasmus+ gemacht, ich hab‘ einen Flyer mitgenommen – und fand das sofort spannend. Andere swt-Azubis waren in Dublin und haben davon erzählt. Die Idee, alleine ins Ausland zu reisen und so richtig Alltag zu erleben, hat mich gereizt. Ich war noch nie alleine weg, immer mit Familie, Verein oder Freunden.“
Sich weiterzuentwickeln, sich in einer fremden Sprache zurechtzufinden, Europa kennenzulernen – das ist die Idee hinter Erasmus. Felicitas hat das als einzige aus ihrer Berufsschulklasse gewagt, andere ließen sich nicht überzeugen. Doch sie ging das Wagnis trotzdem ein und bewarb sich. Man kann ein Wunschland angeben, ihres war Italien: „Ich mag Italien, kannte das Land ein bisschen aus Urlauben in Süditalien und in Rom. Ich mag das Essen, die Kultur – und wollte gern mehr Zeit dort verbringen und erfahren, wie es in der Arbeitswelt zugeht.“
Die Vorbereitungen
Rom? Venedig? Wo würde sie hinkommen? Es wurde nichts von beidem, sondern Vicenza in Norditalien, im Veneto zwischen Verona und Padua. Kannte sie nicht – ein umso größeres Abenteuer also. Es gab eine Video-Konferenz, damit die Partnerorganisation vor Ort einen Eindruck von ihr bekam. Dann einen Vorbereitungskurs in Stuttgart zusammen mit fünf anderen Azubis, die ebenfalls nach Vicenza fahren sollten.
Und so saß Felicitas am 12. Oktober 2025 im Zug gen Süden. Am Bahnhof von Vicenza wurden sie und ihre Zimmerpartnerin von der Gastfamilie abgeholt. Die Erasmus-Azubis trafen sich in der ersten Woche täglich im Sprachkurs: 20 Stunden Italienisch. Die Basics. Und dann ab ins „kalte Wasser“. Nach einem Kennenlerngespräch mit der Firma, in der sie ihr Praktikum absolvieren sollte, ging es auch schon los:
Das Leben und Arbeiten in Italien
Zuerst interessiert mich, wie ihr Job aussah. Felicitas erzählt: „Ich habe bei einer Agentur gearbeitet, die sich um die Weiterbildung von Arbeitssuchenden kümmert. Der Einstieg war herausfordernd. Vieles lief ganz anders, als ich das kannte.“ Sie arbeitete vier Stunden vormittags, der Nachmittag war frei. Sie half bei der Ablage, arbeitete Excel-Tabellen auf, erstellte eigenständig einen Flyer. Auch Sprachkurse bot die Agentur an, da saß sie dann auch mal mit drin, um Rückmeldung zu geben, wie ein neuer Lehrer bei den Teilnehmenden ankam.


„Die Kollegen waren nett, haben sich um mich gekümmert und waren zufrieden mit mir. Ich bin gut mit den Aufgaben klargekommen. Das meiste lief auf Englisch – trotzdem gab es das ein oder andere Missverständnis. War aber nicht schlimm.“
Entspannter, dafür länger
Ungewohnt war für sie, dass die Büros weit weniger professionell ausgestattet waren als unsere. Keine großen Monitore, nur Laptops. „Das Arbeiten selbst war entspannter als bei uns“, so hat es Felicitas erlebt. „Ständig Espresso trinken und quatschen, der Austausch untereinander ist wichtig. Man geht bei Aufgaben auch nicht so strukturiert vor – die haben gestaunt, dass ich für meinen 25-seitigen Flyer-Entwurf eine Gliederung gemacht hatte.“ Ein Körnchen Wahrheit scheint in jedem Klischee zu stecken. 😉 Überrascht hat sie, wie schick die Italienerinnen und Italiener ins Büro gehen und auf der Straße unterwegs sind. „Und dass sie erstaunlich lang arbeiten, etwa von 8:30 bis 18 Uhr.“ Das wiederum passt ja gar nicht zum Klischee. 😉
Mit der Zeit gewöhnte sie sich gut ein und konnte sogar Stadtwerke-Erfahrungen einbringen. Übrigens: Stadtwerke wie in Deutschland gibt es in Italien nicht, dort kennt man nur große, nationale Energieversorger, ähnlich wie in Frankreich.
No capisco niente: Wie lief’s mit der Sprache?
Logisch, dass Sprachkenntnisse nach einem Crash-Kurs nicht sehr alltagstauglich sind. „Im Job habe ich viel Englisch gesprochen – das ging nicht anders. Doch ich habe immer versucht, mein Italienisch anzuwenden, zum Beispiel wenn ich was eingekauft oder im Restaurant bestellt habe“, sagt Felicitas. „Meine Mitbewohnerin hat grundsätzlich alles auf Englisch gemacht. Das fand ich nicht richtig und habe jede Chance genutzt zu sprechen, auch mit Fehlern – das war mir egal, ich war ja zum Lernen da.“ Die richtige Einstellung, meine ich.
Freizeit und Städtetrips
Ihre Freizeit hat sie gut genutzt, um etwas zu sehen von Stadt und Umgebung. Aus der Kunstgeschichte ist mir Vicenza bekannt als die Stadt Palladios, des Stararchitekten des 16. Jahrhunderts. Seine Bauten sind UNESCO-Welterbe. Mit rund 110.000 Einwohnern ist Vicenza nicht viel größer als Tübingen. „Nicht überlaufen, lebendig und typisch italienisch“, findet Felicitas. „Das Zentrum ist schön, aber sehr überschaubar. Man kennt sich schnell aus. Es gibt mehrere große Parks, durch die ich gern spaziert bin. In einem laufen Häschen frei herum.“


Die Abende verbrachte sie oft mit den anderen Erasmus-Azubis – so sind echte Freundschaften entstanden. Sie sind essen gegangen zusammen, phänomenale Pizza & Pasta. Ungünstigerweise mag Felicitas weder Kaffee noch Espresso. Ihr Favorit wurde der Eistee Marke „EstaThé“ („estate“ bedeutet Sommer. Kann man aber auch gut im Spätherbst trinken.) 😉


An den Wochenenden unternahmen die Erasmus-Azubis Ausflüge: mit dem Zug (in Italien sehr günstig) ging es nach Padua, Mailand und Venedig. „Mailand war toll – da waren wir in einem Club auf einer Halloweenparty und sind durch die berühmte Galleria Vittorio Emmanuele zum Dom flaniert.“ Von Venedig war sie fast ein bisschen enttäuscht: „Die Hochglanzbilder, die ich kannte, hatten meine Erwartungen sehr hochgeschraubt – die Realität mit Massen von Menschen kam da nicht ganz mit.“ Das spricht doch für die kleineren Städte abseits der touristischen Routen …






Was hat dich sonst noch erstaunt?
„Shoppen in italienischen Städten ist anders, wo es keine Malls, kaum Supermärkte und vor allem kleine Geschäfte gibt – und Edelboutiquen weit über meinem Budget“, erzählt Felicitas. Und noch etwas fällt ihr ein: „Es ist lustig, wie verrückt sie dort ihren Uni-Abschluss feiern! Eine Kollegin in der Agentur hat Bilder gezeigt, wie sie in einem riesigen aufblasbaren Schweineanzug auf dem Platz vor der Uni auf einem Podest stand, von Freunden und Familie mit Mehl und Ketchup beworfen wurde und Spottgedichte vorlesen musste, einen Lorbeerkranz auf dem Kopf. Ein riesiges Happening!“
Ich erinnere mich, dass ich sowas mal in Padua mitgekriegt habe: An der Mauer der ehrwürdigen Uni hingen Plakate mit Karikaturen der Absolventen. Alle sangen laut „dottore, dottore“, spritzen mit Sekt rum und der frischgebackene Doktor wurde mit Taucherbrille bunt beschmiertem Kittel zu einem Bad im nächsten Brunnen eskortiert. Das ist doch was anderes als die elitären Harry-Potter-Umhänge. 😉 Vielleicht eine Idee für deine Abschlussprüfung demnächst, Felicitas?
Keine Sterne-Bewertung für die Unterkunft
Eigentlich war‘s toll in Vicenza – doch es wäre unrealistisch, wenn alles so rund liefe. Und ja, einen Wermutstropfen gibt es: Mit der Unterkunft habe sie leider Pech gehabt, sagt Felicitas. Die Gastmutter gab sich kaum mit den beiden jungen Frauen ab, war ständig abwesend oder am „telefonino“, sprach nichts ab. Ein Glück, dass sie zu zweit dort einquartiert und schnell Freundinnen wurden. Sie kochten und putzten selbst, meisterten die Lage. Rückwirkend nimmt Felicitas das nicht krumm: „Eine Erfahrung, die mich stärker macht.“ Und hofft für Nachfolgende, dass ihre Beschwerde bei den Organisatoren vor Ort wirkt.
Was waren die größten Herausforderungen für sie, will ich wissen.„Ich hatte vorher Angst vor Heimweh“, gesteht Felicitas. „Niemanden zu kennen, bei fremden Leuten zu leben in einem komplett neuen Umfeld. Ich habe für mich beschlossen, das als Abenteuer zu begreifen, das hat geholfen.“
Ziel erreicht?
Den italienischen Alltag zu erleben, zu arbeiten, in die Sprache einzutauchen – das ist ihr gut gelungen in Vicenza. Und noch mehr: Sie hat viele Einblicke bekommen, die man im Urlaub niemals kriegen kann. Und Erfahrungen gemacht, auch unangenehme, an denen sie gereift ist. Auch aus der Außen-Perspektive auf das Leben in Deutschland und in Tübingen zu schauen, rückt manches in ein neues Licht.
Lohnt sich das? Wie ist dein Fazit, Felicitas?
Für Felicitas steht fest: „Ich kann Erasmus+ unbedingt jedem empfehlen! Vier Wochen bezahlt in ein anderes Land gehen – das ist schon toll. Ich habe viel über mich selbst gelernt und bin selbstsicherer geworden. Es ist beruhigend, zu wissen, dass ich alleine in einem fremden Land klarkommen kann!“ Was sie sich von den Italienern abgucken will? „Etwas gelassener und entspannter zu sein. Die Lebenseinstellung macht einiges leichter.“
Für alle, die Ähnliches vorhaben hat sie zwei Tipps parat: „Plant Ausflüge und Freizeitprogramm frühzeitig – vor allem, wenn touristische Highlights dabei sind. Und lasst Platz im Koffer – Lust zum Shoppen kommt bestimmt.“ 😉
Mal ganz praktisch: Kurzinfo Erasmus+
Für ein Erasmus+ Auslandspraktikum können sich Auszubildende ab dem zweiten Lehrjahr bewerben. Infos dazu gibt es in der Berufsschule oder im Ausbildungsbetrieb. Notwendig sind Motivationsschreiben auf Deutsch und Englisch, das letzte Zeugnis und ein Lebenslauf auf Englisch im Europass-Format. Man darf ein Wunschland angeben. Für Italien reicht gutes Englisch aus, für andere Länder (Spanien) braucht man zusätzliche Sprachkenntnisse. Man wohnt in WGs oder Gastfamilien. Der Praktikumsbetrieb wird je nach Vorlieben ausgewählt. Erasmus+ wird von der EU gefördert, die geringe Eigenbeteiligung übernimmt meist der Ausbildungsbetrieb. Das Praktikum ist Teil der Ausbildung – also kein Urlaub, das Gehalt wird weitergezahlt.
Hier geht’s zur Homepage des Erasmus-Programms der EU!
Und was bringt das den Stadtwerken?
Das frage ich Melanie Wasner von der Personalentwicklung der swt. „Viel“, sagt sie. „Denn Auszubildende, die über den Tellerrand schauen, bringen diese Erfahrungen in ihren Arbeitsalltag mit, hinterfragen auch mal, was nicht so gut läuft und schätzen das Positive. So wie jetzt auch Feli. Viele unserer Azubis bleiben nach der Ausbildung sehr lange bei uns. Das ist einerseits super, weil sie das Unternehmen richtig gut kennen. Aber klar – sie kennen dann auch nichts anderes als die Stadtwerke-Welt. Umso wertvoller ist ein Praktikum außerhalb der swt. Wenn das dann auch noch im Ausland stattfindet, ist das Erlebnis noch viel größer. Da kommt es dann nicht auf die fachliche Weiterentwicklung an, sondern vielmehr auf die persönliche. Sich trauen, sich auf die Sprache, die Kultur und unbekannte Menschen einlassen – das fördert und fordert unsere Azubis in ganz besonderer Weise.
Schon 2024 waren drei unserer kaufmännischen Azubis in Dublin. Angelina, Colin und Teresa stehen heute kurz vor ihrem Abschluss. Die Auslandserfahrung möchten alle drei nicht missen. Etwas leichter hatten sie es schon, sie waren als Gruppe unterwegs und konnten den Erasmus-Alltag auf Englisch bewältigen. Doch auch sie haben viel gelernt – und blicken seither ganz anders auf ihre Arbeit hier.“
Europäer und Bildungsreformer: Erasmus für Besserwisser
Kennt ihr den Film „L’auberge espagnole“ (Barcelona für ein Jahr, 2002), der von einer chaotischen, internationalen Erasmus-Studenten-WG handelt? Da sagt die Hauptfigur Xavier: „Wir alle suchen nach dem, was uns verbindet, nicht nach dem, was uns trennt.“ Besser kann man es nicht ausdrücken, meine ich.
Seit 1987 gibt es das Erasmus-Programm der Europäischen Union, das Auslandsaufenthalte an Universitäten fördert, inzwischen erweitert auf den Sportbereich und Betriebspraktika. Erasmus steht für „EuRopean Community Action Scheme for the Mobility of University Students“, was sehr konstruiert klingt – denn ganz bewusst erinnert der Name an Erasmus von Rotterdam, den Universalgelehrten und Humanisten der Renaissance. Theologe, Philosoph, Bildungsreformer, der in Paris, England, Turin, Burgund, Freiburg, Basel lebte. „Menschen werden nicht als Menschen geboren, sondern als solche erzogen“, schrieb der – die Bildung macht den Menschen aus. Übrigens auch die Mädchen und Frauen! Anders als viele seiner Zeitgenossen war Erasmus der Ansicht, dass sie ebenso wie die Jungen zu einem humanistischen Europa beitragen könnten.
Fun-Facts
Mehr als 16 Millionen Menschen haben schon an Erasmus teilgenommen. Wie Wikipedia weiß, haben 27 Prozent von ihnen dabei die Liebe ihres Lebens gefunden. Und sie werden seltener arbeitslos als Studierende ohne Auslandsaufenthalt. Umberto Eco prägte den Begriff „Generation Erasmus“, „the first generation of young Europeans.“ Viele Erasmus-Absolventen fühlen sich als Europäer. Du dich auch, Felicitas? „Auf jeden Fall“, sagt sie. Nach ihrer Abschlussprüfung fährt sie wieder nach Italien, diesmal in den Süden. Und hat fest vor, dranzubleiben, ihr Italienisch anzuwenden und weiter zu verbessern. Brava! 😉
Habt auch ihr Erasmus-Erfahrungen gemacht? Schreibt uns gerne in die Kommentare!
Zur Autorin:
Birgit Krämer findet es richtig schade, dass das Interesse an unseren Nachbarländern und am Sprachenlernen bei jungen Menschen abnimmt. Beim Schreiben musste sie an ihr DAAD-Studienjahr in Frankreich denken und an einen Sprach-Aufenthalt in Florenz, im Doppelzimmer einer internationalen WG. Etliche Mainzer Freunde waren mit Erasmus an der Partner-Uni Dijon. Mehr als 30 Jahre ist das her – und es hat alle sehr geprägt. Daher: „Hut ab, Feli!“
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