Wenn Eis zu Wasser und Wasser zu Eis wird

Unser Freibad im Wechsel der Jahreszeiten

Seit Ende April hat unser Freibad wieder geöffnet. Und wie jedes Jahr konnten viele das kaum erwarten. Bäder-Kollege Bernd Gugel ist ganz sicher einer der größten Freibad-Fans in Tübingen. Als Sport-Ass, Triathlet und Feuerwehrtaucher geht er selbst an den sehr frischen ersten Tagen der Saison ins Wasser – in Neopren. Auf unserer Facebook-Seite postet er im Sommer regelmäßig Neuigkeiten aus seinem Lieblingsbad. Für unseren Blog hat er jetzt aufgeschrieben, wie sein Alltag am Beckenrand aussieht und wie er aus Mitarbeiter-Sicht ein Freibadjahr erlebt. Geben wir ihm das Wort!

Unser Gastautor Bernd Gugel

Wenn das Eis im Schwimmbecken durch die milde Luft taut und die Tage wieder länger werden, dann erwacht das Tübinger Freibad aus seinem Winterschlaf. Und viele Menschen freuen sich nach Kälte und Schnee samt Matsch, Schmuddel, Stubenhocken und „Grau in Grau“ auf Sonne, Wärme, Spaß und Action, aufs Schwimmen, auf schöne, erholsame Stunden im Freibad. Zusammen mit anderen oder ganz für sich.

Hinter den Kulissen hat die Saison längst begonnen

Lange bevor die Saison beginnt, ist unser Bäder-Team der Stadtwerke schon aktiv. Das Freibad mit all seinen Anlagen muss ja erst für das vielfältige Tun vorbereitet werden. Anfang März geht das los: Es wird gereinigt und geschrubbt, Geräte werden aufgebaut oder noch repariert. Das alte Wasser muss aus den Becken raus und frisches rein, Gitterroste müssen eingesetzt und in die Becken die Schwimmleinen eingezogen werden. Die Beachvolleyballfelder brauchen ihre Netze. Duschen und Toiletten sollen funktionieren, die Durchschreite-Becken in frischem Blau erstrahlen. Die gesamte Technik – Wasseraufbereitung, Heizung, Kassenautomaten, Einlasstor – muss geprüft und flott gemacht werden. Der Rutschen- und Spielplatz-TÜV kommt, die Stadtgärtner und die Maler. So arbeiten wir wochenlang unermüdlich, damit das Freibad so ist, wie Tübingerinnen und Tübinger es lieben. Einladend, gepflegt – und vor allem endlich wieder geöffnet. Jetzt sogar wieder ganz ohne all die Corona-Einschränkungen.

Wir sind bereit!

Das ist Kult! Der erste Freibadtag

Und dann kommt der erste Freibadtag. Auf die Freibadöffnung fiebert die ganze „Schwimmstadt“ Tübingen über Wochen hin. Ich kenne so einige, die die Tage rückwärts zählen. Unzählige Menschen freuen sich ganz ungemein. Seit Jahrzehnten liegt der Öffnungstermin um den 1. Mai herum, immer abhängig von der Großwetterlage. Es sollten nicht gerade Dauerregen und Kälte herrschen, sondern zumindest angenehmes und möglichst trockenes Wetter. Gerne mit Sonne und Wärme.

Schon immer war das Tübinger Freibad eines der ersten in der Region, das seine Tore öffnet. Oft sogar das erste. Definitiv war das 2019 der Fall, als wir schon zu Ostern „teilgeöffnet“ hatten. Auch Etliche aus dem Umland pilgern dann nach Tübingen – und der geografische Mittelpunkt Baden-Württembergs wird auch zu dem der Schwimmbegeisterten. Denn hier ist offen, während anderswo noch geschlossen ist. Dieses Jahr fiel wegen recht schlechten Wetters der Saisonstart auf den 29. April, den Freitag nach den Osterferien. Ziemlich ungewöhnlich. Schülerinnen und Schüler konnten erst nachmittags kommen, und so waren morgens ab 6 Uhr die Erwachsenen unter sich. Trotz sehr frischer Luft- und Wassertemperaturen war die Stimmung bestens: Endlich wieder nach Lust und Laune schwimmen! Ohne Anmeldung, Zeitfenster, Obergrenzen, Abstandsregeln, Desinfektionspausen, dafür wieder mit Saisonkarte: Freibad ist auch Freiheit.

„Teilgeöffnet“ heißt, dass ganz zu Anfang nur das große 50-Meter-Sportbecken beheizt wird, während das Nichtschwimmerbecken noch kalt bleibt und teils noch vorbereitende Arbeiten in Gang sind. Egal ob nun dies oder das noch nicht ganz perfekt ist – die Idee, früh in die Saison zu starten, nehmen unsere Gäste gut an – mit regem Zulauf, mit viel Sympathie und lobenden Worten.

Spannung vor dem Count-Down

Egal ob an Karfreitag oder am 1. Mai, der erste Freibadtag ist ein Kult-Ereignis! Bevor unser Freibad-Chef frühmorgens, Punkt 6 Uhr, das Rolltor hochzieht, versammelt sich vor dem Eingang eine illustre Gesellschaft, vorwiegend bestehend aus „Frühschwimmern“ (eher ältere Semester), aber auch jüngeren Menschen und Kindern, die allesamt die Ersten im Freibad – genauer: im Wasser! – sein wollen. Während sich die Älteren, die sich seit Jahren kennen, darüber unterhalten, wie sie die Monate der freibadlosen Zeit „überlebt“ haben, bibbern die Jüngeren meist schweigend dem Augenblick entgegen, in dem sich das Rolltor hebt. Doch wer meint, dass dann die Jüngsten die Schnellsten sind, der täuscht sich! Oft sind es die „Alten“, die erstaunlich beweglich unter dem sich hebenden Rolltor durchkriechen und dann losrennen, um das Gefühl des Triumphs zu erleben, dieses Mal der oder die Erste gewesen zu sein.

Der erste Sprung hinein, die ersten Schwimmzüge im vor Wärme dampfenden Wasser in der Kühle des Morgens – was für ein Gefühl! Vorbei ist das Warten, jetzt ist die Lieblings-Jahreszeit gekommen: Freibad-Saison. Alle sind glücklich und zufrieden, denn Tübingen schwimmt wieder. Von früh bis spät. So viele Sommer-Wochen lang! Die Euphorie steckt alle an, natürlich auch uns am Beckenrand, an der Kasse, beim Reinigungsdienst oder im Kiosk.

Der erste Sprung hinein ist der beste!

Die Saison plätschert so dahin

Dann läuft die Saison. Tagein, tagaus. Trotz aller Routine gleicht kein Tag dem anderen, auch wenn der Ablauf natürlich immer ähnlich ist. Mit den Wetterlagen und Temperaturen wechselt die Lust der Leute aufs Freibad. Wochentage wechseln mit Wochenenden, Schul- mit Ferienzeiten. Morgens ist der Schulsport oft stark präsent, abends ist der Vereinssport im Becken zu sehen.

Für uns als Personal ist es dieses Jahr wieder einfacher. Das Einzige, das uns aus der Corona-Zeit bleibt, sind die Doppelbahnen mit Einbahnverkehr im Sportbecken. Denn wir haben festgestellt, dass der schwimmerische Effekt gut war: mehr Platz und weniger Kollisionsgefahr. Viele Gäste haben uns gebeten, die Doppelbahnen beizubehalten, um ungestört schwimmen zu können. Da andere lieber frei, ohne die begrenzende Leinen schwimmen haben wir das Becken jetzt in zwei Bereiche aufgeteilt. Denn wir vom Freibad-Team wollen möglichst alle glücklich machen!

Im Hochsommer sind an Rekordtagen 8.000 und mehr Menschen hier. Alle Generationen. Bei so einem Ansturm haben wir sämtliche Aushilfen und DLRG-Kräfte im Einsatz. Wir machen Überstunden, sind angespannt und echt gefordert. Da gilt es, überall gleichzeitig zu sein und Nerven zu bewahren. Ich kann euch sagen, nach so einem Freibadtag seid ihr abends platt! Und noch nachts hat man die vor Vergnügen quietschenden Kinder im Ohr.

So vergleichsweise ruhig, wie die Saison beginnt und so sehr sie sich auch steigert – ab den Sommerferien im August wird’s wieder ruhiger. Nicht nur, weil viele im Urlaub sind, sondern auch, weil die Tage wieder kürzer werden. Weil irgendwann auch die Hitze nicht mehr die Massen ins Freibad treibt. Und wenn zum Ferienende die Tübingerinnen und Tübinger von den Meeresstränden und Seen der Welt heimkehren, dann ist das auf 50 mal 25 Meter begrenzte Sportbecken nicht mehr für alle so reizvoll. Denn wer im Urlaub das Glitzern der Sonne im Meer genossen hat, ist durch das Glitzern der Sonne im Edelstahlbecken nicht mehr so arg zu begeistern. Die weit überdurchschnittliche Schwimmbegeisterung in Tübingen ist zwar statistisch erwiesen. Doch zum Ende der Saison kommen nicht mehr „Zigtausende“, sondern nur noch „Tausende“.

Der goldene Oktober: ein besonderer Genuss

Wahre Freibadfans gibt’s natürlich weiterhin zuhauf. Und der Herbst ist die Genusszeit im Freibad. Vor allem dann, wenn die Temperaturen spätsommerlich sind, die Herbstfärbung einkehrt und die tiefstehende Sonne uns einen goldenen Oktober beschert. Der Lärm und das Gewusel der Hochsaison sind vorbei. Ruhig und überschaubar, gehört das Freibad nun wieder denen, die sich hier wie in ihrem zweiten Zuhause fühlen: den treuen Stammgästen – das sind gar nicht wenige. Und auch neue Gäste kommen jetzt noch hinzu. Denn wenn die anderen Freibäder der Region schließen, ist bei uns meist noch immer auf. Zur Beckenaufsicht bringen wir uns jetzt heißen Tee und Kaffee in Thermoskannen mit.

Im Herbst 2018 hatten wir die Saisonverlängerung erstmals ausprobiert – und das hat super funktioniert. Inzwischen hat sich unsere XXL-Saison beinahe eingebürgert – zuerst wegen der Sanierung des Hallenbads Nord, dann in den beiden Corona-Jahren, als sich Abstandsregeln im Freibad am leichtesten einhalten ließen. Im Oktober heizen wir aber das Nichtschwimmerbecken nicht mehr, um Energie, Geld und CO2 zu sparen.

Dieses Konzept war nicht aus der Not entstanden: Schon lange wollte unser umtriebiger Freibadchef David Letzgus-Maurer die Saison verlängern, fand aber mit seinem Vorschlag der Teilöffnung im April und Oktober aus wirtschaftlichen Gründen kein Gehör. Erst 2018, als im Hallenbad Nord die Akutsanierung anfiel, wurde aus der „Genuss-Idee“ der Plan B. Denn wo sollten all diejenigen hin, die Schwimmen sollten und wollten? Der Schul- und Vereinssport? Ins kleine Uhlandbad? So kam es zur ersten XXL-Saison. Die Gäste nehmen das Angebot dankbar an – und aus dem Umland bricht dann ein wahrer Freibad-Tourismus aus: Aus Rottenburg, Reutlingen, Herrenberg, Sindelfingen, Balingen, sogar aus Stuttgart kommen sie. Auch wegen unseres schönen Bades, der Ruhe und des besonderen Herbst-Erlebnisses. Damit haben wir 2018 sogar deutschlandweit das Interesse der Medien erregt.

Ich würde mir wünschen, dass die Stadtwerke die Spät-Saison beibehalten, auch wenn bald ein neues Hallenbad Süd gebaut wird. Wir werden sehen … Die gute Resonanz und Außenwirkung sprächen jedenfalls dafür.

Wenn die Tage kürzer werden

Doch egal, ob das Freibad bis September oder Oktober geöffnet ist, die bange Frage „Wann schließt ihr?“ hören wir nach den Sommerferien immer häufiger. Untrügliches Indiz, dass es bald ans Abschiednehmen geht. Wenn Regen und Kälte überhand nehmen, die Nächte immer länger werden, der Morgennebel lange über den Becken hängt und die Sonne auch die wärmespeichernden Steinplatten kaum mehr erwärmt, naht der Tag der Schließung. Und spätestens, wenn die Uhr umgestellt wird und die Feierabendschwimmer keine Chance mehr haben, weil wir im Dunkeln die Sicherheit am und im Becken nicht mehr gewährleisten können, ist es soweit. (Übrigens: Überlegungen zur Unter-Wasser-Beleuchtung für die kurzen Herbsttage gibt es schon.) Wenn dann das „Ausbaden“ vorbei ist, schließen wir aber nicht einfach so, routinemäßig, sondern mit viel Wehmut. Mit der Erinnerung an schöne Tage und dem Ausblick auf Dunkelheit, Nässe und Kälte und auf das begrenzte Schwimmangebot im Uhlandbad und im Hallenbad Nord.

Diese Wehmut fühlen unsere Gäste ebenso wie die Menschen, die im Freibad arbeiten. Man verabschiedet sich. Und manche fangen direkt an, die Tage zu zählen, bis das Bad wieder öffnet. Wir vom Freibad-Team räumen alles auf, putzen, bauen ab und packen ein – Bänke und Papierkörbe, Spielgeräte und Trennleinen, damit alles ohne Schaden den Winter übersteht. Das Wasser bleibt übrigens in den Becken, damit sich der hochwertige Edelstahl nicht durch den Druck des Grundwassers so nah am Neckar verformt. Nun gehört das Gelände wieder den Hasen und Igeln. Ein Kollege hat sogar Treppchen gezimmert, damit Igel, die im Laub in den Überlaufrinnen Futter suchen, wieder herausfinden.

Wasser zu Eis

Wenn alles eingewintert ist, geht das Personal in Urlaub. Anschließend wandern die Kolleginnen und Kollegen in andere Abteilungen: in die Hallenbäder oder in die Parkhäuser der Stadtwerke. Oder in die Büros im großen Verwaltungsgebäude im Eisenhut. Und einer, der da gelandet ist, bin ich. So konnte ich mir als Gast in der Abteilung Kommunikation und Marketing die Zeit nehmen, um diese Eindrücke zu Papier zu bringen, während im Freibad das Wasser in der Winterkälte wieder zu Eis wird.

So schildert Bäder-Mitarbeiter Bernd Gugel sein Freibadjahr. Auch wir lieben es. Und abgesehen vom Schwimmen auch die tolle Sportanlage, das weiche Gras, Sandbank und Spielplatz, Slacklines, Barfußpfad und Freibadpommes vom Kiosk. Manche kommen nur zum Beachen her. Oder zu Veranstaltungen: Kinder-Olympiade fürs Ferienprogramm, Swim & Run, Spendenschwimmen, Beachvolleyballturniere oder Sommertheater.

Und wie ist das mit euch? Schreibt uns gerne, warum ihr das Freibad liebt!

2 Gedanken zu „Wenn Eis zu Wasser und Wasser zu Eis wird“

  1. Sehr anschaulich und begeistert schildert Bernd Gugel (s) ein Freibadjahr. Das macht richtig Lust, es mal wieder zu probieren und nebenbei erfährt man, dass da viele ganz schön zu tun haben, nicht nur während der Saison, sondern auch vorher und danach. Also ein großes Dankeschön an alle, die dafür sorgen, dass das Tübinger Freibad bleibt, was es immer war: der schönste Sommerort in Tübingen!

    1. Hallo Frau Möhler,
      das freut uns! Ihr Dankeschön geben wir gerne weiter an alle Kolleginnen und Kollegen im Freibad und hoffen auf eine ganz unbeschwerte, sonnige und vielleicht wieder extra-lange Saison!
      Ihr swt-Blog-Team

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