„Licht nach Bedarf“ – wenn die Straßenlaterne mitdenkt

Licht nach Bedarf: Team Straßenbeleuchtung montiert in der Nacht neue Leuchten am ZOB
Nächtliche Laternenmontage am ZOB

Das ist noch ziemlich neu: intelligente Systeme, die Straßenlaternen miteinander vernetzen. Sie können Licht dimmen und dafür sorgen, dass es nur dort ganz hell ist, wo jemand das Licht braucht. Zuvor konnte Straßenbeleuchtung immer nur Entweder-Oder. Abends gingen Lampen an, morgens aus. Nachts waren sie gleichmäßig hell. Nun können Straßenlaternen dimmen. Sie geben nur dann Gas, wenn tatsächlich jemand in der Nähe ist. Sensoren machen’s möglich. 

Straßenlaternen, die sich selbst dimmen

Auch Tübinger Straßenlaternen beherrschen das Dimmen noch nicht lang. Stellenweise erst seit einigen Monaten, anderswo ein paar Jahre. Aktuell sind etwa 4.100 Straßenlaternen im Stadtgebiet mit dem neuen System ausgestattet. 4.100 von rund 11.000. Bei mindestens 9.000 sollte die Umrüstung technisch gut funktionieren, da ist noch einiges zu tun.

Schematischer Plan der Stadt Tübingen: In den markierten Bereichen ist "Licht nach Bedarf" bereits umgesetzt.
Mehr als 4.100 Leuchtenstandorte sind in Tübingen bereits umgerüstet. Die Karte zeigt, wo es 2026 „Licht nach Bedarf“ gibt.
Übersichtsplan der Stadt Tübingen zeigt, wo "Licht nach Bedarf" bereits umgesetzt ist.
Die Software des Fachmanns zeigt jede einzelne Leuchte im Detail an.

Damit soll Strom gespart werden. Und gleichzeitig soll das Licht für Menschen, Tiere und die Umwelt besser funktionieren – mehr nützen, weniger schaden. „Licht nach Bedarf“ heißt das Konzept. Licht im öffentlichen Raum wird dadurch sehr flexibel. Das ist wirklich neu.

Wie das aussieht, lässt sich an vielen Stellen in Tübingen testen. Wer’s noch nie gesehen hat, ab nach Hirschau oder Pfrondorf zum Nachtspaziergang! Oder nach Bühl, Kilchberg, Weilheim, in die Weststadt oder auf den Österberg. Überall dort läuft Licht einfach mit. Sobald der Sensor feststellt, dass jemand sich nähert, werden die Lampen heller. Sie reagieren auf Menschen, auf Hunde, nicht jedoch auf sowas Kleines wie eine Fledermaus. Es ist auch nicht nur eine einzelne Lampe, die reagiert: Vernetzte Leuchten informieren ihre Nachbarn. Weiter vorn wird es auch gleich heller.

Das Licht läuft mit

Licht immer da, wo gerade jemand läuft: Dazu sagen Fachleute „Lichtteppich“. Nachdem man vorbeigelaufen ist, dimmen die Leuchten wieder runter. Alles ganz sachte, damit niemand erschrickt und niemand geblendet wird.

Die neue Technologie hat viele Vorteile. Hauptvorteil: Es wird Strom gespart, viel Strom. Etwa 90 Prozent weniger brauchen umgerüstete Lampen im Vergleich zu den Vorgängern. Das waren meist Natrium-Dampf-Lampen mit um die 60 Watt, je nach Netzteil. Die Umstellung auf moderne LED spart bereits 70 Prozent ein, rechnet Fabian Bauer vor, der Teamleiter Straßenbeleuchtung bei den Stadtwerken.

Fabian Bauer, Teamleiter Straßenbeleuchtung der Stadtwerke Tübingen, am ZOB, Omnibusbahnhof
Fabian Bauer: Über ihn und die Arbeit seines Teams haben wir auch schon einmal im Beitrag zum Lichtkonzept am ZOB geschrieben.

Was bringt das konkret?

Zusätzliche 17 bis 20 Prozent Ersparnis bringt das Dimmen. Das kann Fabian genau belegen: In Hirschau sank der Stromverbrauch der Straßenbeleuchtung, nachdem alles komplett umgerüstet war, um 87 Prozent. „2020 war der durchschnittliche Jahresverbrauch pro Leuchte noch 292 Kilowattstunden, 2025 waren wir bei 39.“ In Pfrondorf fast dasselbe Bild: Dort sind es rund 400 Leuchten, ähnlich wie in Hirschau, auch dort hat Fabian 88 Prozent Einsparung dokumentiert. „Durch ‚Licht nach Bedarf‘ haben wir hier in Tübingen seit 2020 rund 391 Tonnen CO2 eingespart.“ Pro Jahr werden nun etwa 1.000.000 Kilowattstunden Strom weniger gebraucht, verglichen mit 2020.

Nach und nach sollen viele weitere Bereiche von Tübingen umgerüstet werden. Flächendeckend wird es nicht gelingen, sagt Fabian. „Über die Stadt verteilt gibt es verschiedenen Typen von Straßenbeleuchtung. Nicht alle eignen sich für eine Umrüstung.“ Damit man schnell vorankommt, arbeitet das Stadtwerke-Team zuerst jene Areale ab, wo über größere Strecken einheitliche Lampen stehen.

Mühsamer wird das Umrüsten dort, wo die Lampen-Lage eher ein Flickenteppich ist. Oder wo es kompliziertere Lampentypen gibt, bei denen sich nicht so gut Sensoren einbauen lassen. Schwierig bis ganz unmöglich ist es etwa bei Bodenstrahlern oder bei Lampen im historischen Look wie in der Altstadt. „Über die können wir nachdenken, wenn wir mit allen anderen durch sind“, sagt Fabian. Das soll etwa bis 2030 so sein. Zumindest ist das die aktuelle Devise.

Die Zielmarke 2030 im Blick

Das Ziel 2030 ist kein Zufall. Diese Jahreszahl stammt aus den Anfängen der Kampagne „Tübingen macht blau“. Damals hatte sich die Stadt das Ziel gesetzt, „bis 2030 klimaneutral“ zu werden. Für viele verschiedene Bereiche wurden Aktionspläne entwickelt, auch für die Straßenbeleuchtung. Hier geht’s zum Tübinger Klimaschutzprogramm.

2018 hat der Gemeinderat das Thema bearbeitet. Damals waren es etwa 10.500 Laternen, die im Jahr etwa 3,5 Millionen Kilowattstunden verbrauchten, ungefähr 380 kWh pro Lichtpunkt. Damals waren erst 13 Prozent der Leuchtmittel energiesparende LED. Der Gemeinderat beschloss: Die Straßenbeleuchtung soll besonders effizient und kostengünstig werden – um Strom zu sparen und Klimaschutz zu betreiben. Zugleich soll Licht das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum unterstützen. Außerdem noch gut sein für den Artenschutz. Die swt erhielten den Auftrag, in einigen Arealen „Licht nach Bedarf“ zu testen, damals sprach man vom „intelligenten Dimmen“. Hirschau wurde zum Pilotprojekt, ebenso der alte Botanische Garten und Kreßbach. Anfangs haben Stadtwerke-Techniker sogar selbst Prototypen gebaut und den Herstellern beim Entwickeln der Systeme zugearbeitet.

Seither kümmert sich eine Arbeitsgruppe „Straßenbeleuchtung“ um die Umsetzung dieser Ziele. Man trifft sich regelmäßig, um die Fortschritte im Blick zu haben und Planungen zu aktualisieren.

Grafik aus dem Kommunalen Klimaschutzbericht 2018-2024 Tübingen zur Reduzierung des Strombedarfs der Straßenbeleuchtung
Aus dem Kommunalen Klimaschutzbericht 2018-2024. Den Bericht kann man hier lesen oder downloaden.

Mit am Tisch sitzen neben Fabian und seinen Stadtwerke-Kollegen auch Fachleute der Stadtverwaltung um Anja Anetzberger. Denn die Straßenbeleuchtung gehört der Stadt Tübingen. Betrieben wird sie seit vielen Jahren von den Stadtwerken, im Auftrag der Stadt.

Und wie läuft die Umrüstung ab?

Sie ist gar nicht überall nötig: In Neubaugebieten wird von Anfang an die neue Technologie verbaut. So auch am Omnibusbahnhof und im Anlagenpark. Den Rest von Tübingen arbeiten Fabian und sein Team Stück für Stück ab. Sooft sie genügend Kapazitäten dafür freihaben – denn Alltagsaufgaben haben sie auch. „Wenn die Stadtwerke ohnehin irgendwo bauen, hängen wir uns dran“, sagt Fabian. Getauscht wird zudem, wenn die Beleuchtung sowieso erneuert werden müsste, etwa weil Beton-oder Stahlmasten alt oder defekt sind.

Straßenbeleuchtung am  Omnibusbahnhof Tübingen, ZOB, bei Nacht.
Beim Umbau des ZOB wurde das Beleuchtungskonzept ganz neu geplant.

Lichtpunkt für Lichtpunkt

Kein einziger Lichtpunkt wird vergessen. Dank einer Software, mit der Fabian die Straßenbeleuchtung überwachen und steuern kann. Im zentralen Lichtmanagement-System ist jede Straßenlaterne (oder „Leuchtenstandort“, wie der Fachmann sagt) auf ihrer Position im Stadtplan angelegt. Diese Software läuft auch auf den Tablets, die Fabians Kollegen unterwegs dabeihaben. Das System bietet Infos zum Status jedes Leuchtmittels, man kann Statistiken abrufen zu Bewegungen und Energieverbrauch, Ausfälle lassen sich frühzeitig erkennen und oft verhindern. Man könnte jede Leuchte einzeln programmieren, auch auf bestimmte Uhrzeiten. Und individuell regeln, wie lang sie bei Bewegung hell bleiben soll, bevor sie wieder abdunkelt. 

Screenshots aus der Software zur Lichtmessung und Vernetzung einer Laterne mit Sensoren für "Licvt nach Bedarf"
Screenshot aus der Software, die Einstellungen für jeden einzelnen Lichtpunkt zeigt

Alle Leuchten bekommen beim Umrüsten ein Modul zur Kommunikation und Steuerung. Plus Sensoren. Welcher Sensor wo verbaut wird, hängt davon ab, welche Aufgabe die Leuchte hat und was dort für ein Verkehr herrscht. In Wohngebieten verwendet man meist Infrarot-Sensoren (PIR: Passiv-Infrarot-Sensoren). Ist der Lichtpunkt nicht so hoch, eignet sich dieser Sensor gut. Mit einem Radius von etwa sechs bis acht Metern erfasst er die Straße und den Gehweg rund um die Leuchte gut. An anderen Stellen verwendet man Radar-Sensoren. Etwa im Bereich von Kreuzungen: Sie messen das Verkehrsvolumen und regeln dann die Helligkeit vieler Leuchten zum Beispiel entlang der kompletten Ortsdurchfahrt.

Die Kommunikationstechnologie, die einzelne Leuchten miteinander vernetzt, ist keine Raketenwissenschaft, sondern ein klassisches Mesh-Netzwerk. Sowas haben viele Leute daheim im WLAN.

Störungen online melden

Die elektronischen Komponenten der Straßenlaternen sind Hitze, Kälte und Feuchtigkeit ausgesetzt. Wenn was ausfällt, meldet es meist die Software. Manchmal tun das auch Passanten: Es gibt ein Störungsportal, wo alle jederzeit eine kaputte Laterne melden können. Diese Meldungen ploppen im System hoch. „Wir können gut reagieren“, sagt Fabian. An kritischen Stellen, etwa Zebrastreifen, wird meist während eines Tages nachgebessert. Weniger wichtige Leuchten werden auf größeren Touren innerhalb der nächsten Wochen bearbeitet.

Nicht immer und überall stößt die neue Technologie nur auf Freude. Manchmal bleiben Bereiche im Dunkeln, die früher hell waren – das wird stellenweise als Nachteil erlebt. Etwa wenn Menschen es gewohnt waren, private Fahrradständer beleuchtet zu bekommen. Post- oder Zeitungsboten standen im Dunkeln, als sie von der Straße hinters Haus liefen, weil der Sensor zu fix wieder abdunkelte – gutes Beispiel: Denn solche Probleme sind lösbar. Für die Postboten und ihre Kolleginnen hat man einfach die Zeitspanne verlängert, in der die Lampen hell bleiben.

Jede Straßenlaterne muss sich einspielen

Ganz am Anfang, direkt nach der Umstellung und bevor eine Leuchte ins Steuerungssystem integriert wird, ist sie sehr hell. Standard sind 100 Prozent Helligkeit. Die Regulierung und Dimmung folgt etwas zeitversetzt. Die Stadtwerke bitten daher um etwas Geduld. Manchen Anwohnern bleibt es auch danach noch zu hell im Wohnzimmer – in solchen Fällen kann es helfen, den Kopf der Leuchte und den Lichtkegel anders auszurichten. Klare Ansage: Privatleute, die irgendein Problem mit der Straßenbeleuchtung haben, sollen sich bitte melden. Das Team der Stadtwerke nimmt das ernst und versucht zu helfen. Viele Anpassungen können Fabian und seine Kollegen direkt vom Schreibtisch aus machen, für andere fährt ein Team hin. Wer ein Anliegen hat: Einfach online eine Störmeldung ausfüllen, als Art der Störung „Sonstige“ angeben und dann ins Textfeld sowas eingeben wie: „Schlafzimmer zu hell! Dingsda-Straße 36, erster Stock.“

Das Einzige, was die Stadtwerke nicht beeinflussen können: Manchmal wachsen Sensoren zu, dann funktionieren sie nicht mehr richtig. Aber privates Grün dürfen die Stadtwerke nicht anfassen, das müssen die jeweiligen Eigentümer machen.

Insekten freut das neue Licht

Und wer hat am Ende was von dieser innovativen Straßenbeleuchtung, vom „Licht nach Bedarf“? Viele. Das Klima weltweit, dank des eingesparten CO2. Kosten für die öffentlichen Kassen zu senken ist ebenfalls sinnvoll. Hier in Tübingen profitieren Menschen, weil sie sich bei gutem Licht sicherer fühlen, wenn sie nachts unterwegs sind. Studien belegen regelmäßig: Licht erfüllt ein Bedürfnis von Sicherheit, Dunkelheit sorgt für Unbehagen. Sind potenzielle Gefahrenorte gut beleuchtet, kann man sie leichter erkennen. „Man kann besser sehen und wird auch besser gesehen“, sagt Fabian. Man kann auch ein nächtliches Gegenüber einschätzen und eventuell ausweichen.

Wer ebenfalls was davon hat: Tiere und Pflanzen in Tübingen. Ist die Lichtfarbe wärmer oder das Licht dunkler, werden weniger Insekten angezogen. Moderne Lampen sind so gebaut, dass das Licht nur nach unten strahlt, das reduziert die Lichtemissionen und schont Tiere. Die neuen Lampengehäuse werden nie heißer als 40 Grad. Außerdem müssen Leuchten dicht sein, damit keine Insekten hineinkönnen und sterben. Ganz konkret profitieren in Tübingen auch Fledermäuse: Im Schloss Hohentübingen lebt eine geschützte Kolonie. Während ihrer Brutzeit dimmt man die Lampen entlang der Flugschneise auf null. Wenn ein Mensch vorbeikommt, wird es heller – aber nur kurz.

Auch für Pflanzen ist es besser, nicht unnatürlich beleuchtet zu werden: Künstliches Licht verändert, wann sie im Frühjahr austreiben und wann sie im Herbst ihre Blätter abwerfen. Lichtrezeptoren steuern bei den Pflanzen Keimung, Wachstum, Blüte, Samenbildung und Alterung. Greift man in diese natürlichen Prozesse ein, kann das Krankheiten begünstigen.

Fazit: weniger Strom, weniger CO2, weniger Lichtverschmutzung.

Bislang funktionieren die neuen Leuchten sehr gut und zuverlässig, berichtet die Software. Aber klar: mehr Technik gleich mehr Risiken, dass was ausfällt. Wie bei modernen Autos – tolle Assistenzsysteme bringen mehr Sicherheit und mehr Fehler.

Während Tübingen umrüstet, entwickelt sich die Technik stetig weiter. Fabian und sein Team stellen gelegentlich um auf neue Bauteile. So ist das unter Pionieren: Die Tübinger gehören schließlich zu den ersten, die Langzeit-Praxiserfahrungen sammeln. Die Fachwelt guckt hin, berichtet Fabian. Er sieht das Beispiel Tübingen durchaus gern in Branchen-Magazinen. Hauptsache, die Umrüstung kommt weiter gut voran. „2030 ist schneller da, als man denkt.“


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