Mein 2020: Von Viren-Frust und alten Homeoffice-Hasen

Es ist Ende Dezember, im Fernsehen jagt ein Jahresrückblick den nächsten. Das beherrschende Thema ist – klar – Corona. Wir haben natürlich auch einen Blick zurückgeworfen und dabei ein paar ganz persönliche Gedanken zum Corona-Jahr festgehalten. Aus Sicht einer Mitarbeiterin, die eben nicht nur das ist. Sondern die, wie so viele andere, plötzlich zur eierlegenden Wollmilchsau werden musste. Und es dabei immer noch ganz gut erwischt hat…

Ein zuversichtliches Lächeln – für die Autorin Melanie Wasner im März eher schwierig, heute wieder möglich.

Nun gibt es bei den Stadtwerken ja ganz und gar verschiedene Berufsbilder. Meine Arbeit ist alles in allem eher unaufgeregt. Während viele meiner Kollegen jetzt in diesem Moment bei etwa 0 Grad auf der Baustelle im Graben stehen und schon langsam an den Feierabend denken – immerhin hat ihr Arbeitstag um 6.30 Uhr begonnen-, sitze ich im Warmen und mache mir Gedanken über das vergangene Jahr. Jetzt weiß ich, dass ich während meiner letzten Arbeitstage wieder Gesellschaft habe, denn meine Kinder gehen dann in die vorgezogenen Winterferien.

Arbeit am Esstisch, während gleichzeitig drei Kinder rechnen, schreiben, malen.

Nicht schlimm, immerhin habe ich in der Weihnachtswoche auch Urlaub. Und kann notfalls früh morgens oder am Abend noch arbeiten. Ich bin ja seit März ein alter Homeoffice-Hase. Und seit bald 13 Jahren bei den Stadtwerken. Da kennt man sich aus mit Abläufen, mit to-dos, mit Prio A bis Z. Alles gar nicht so wild. (Stellt Euch an dieser Stelle ein ganz kurzes, ironisches Augenverdrehen vor.) Auf der Baustelle, im Lager, als Busfahrer oder im Kundenservice gibt’s diese Flexibilität nicht.

Jessica Harz ist erst seit Januar bei den Stadtwerken – ein Start mit Karacho in die Corona-Zeit: „Jeder hat wahrscheinlich etwas anderes von diesem Jahr erwartet. Neuer Job, neue Stadt – da war der Zeitpunkt für den Lockdown für mich persönlich natürlich ganz blöd. Und trotzdem haben mir meine Kollegen den Einstieg so gut es geht erleichtert. Es war immer jemand da, immer jemand ansprechbar. Wir haben uns trotz Corona richtig kennengelernt. Und klar – die Möglichkeit zum Homeoffice hat mir auch viel Fahrzeit erspart. Also alles in allem: Ein komisches Jahr, aber ich bin trotzdem gut bei den swt angekommen.“

Im März, als von heute auf morgen plötzlich das Leben stillstand, war von meiner heutigen Gelassenheit nicht viel zu spüren. Homeoffice, Homeschooling, Home-Kita, Home-Verzweiflung. Im Nachhinein frage ich mich, wie das überhaupt funktionieren konnte. Keine Ahnung! Gut, wenn dann wenigstens die Abläufe in einer Abteilung gut funktionieren. Wenn die IT-Abteilung blitzschnell reagiert und das Arbeiten von zuhause ermöglicht – in einem Unternehmen, das zuvor nicht unbedingt für seine hochmodernen, mobilen Arbeitsmethoden bekannt war. Wenn die Personalabteilung ein offenes Ohr hat und weiterhilft, so gut es eben geht – schließlich hat sich davor noch nie irgendjemand Gedanken über Ansprüche auf Notbetreuung und sich wöchentlich ändernde Landesverordnungen gemacht. Wenn ein Krisenstab zur festen Einrichtung wird und täglich die Lage checkt, Betriebsanweisungen anpasst und die Belegschaft auf dem Laufenden hält. Wenn sich der Betriebsrat erfolgreich dafür einsetzt, dass niemand auf Gehalt verzichten muss. Trotzdem war da ein Gefühl der Panik, der Überforderung und natürlich auch die Frage: Wie geht das weiter, wie zum Teufel soll ich das hinbekommen? Kann ich in diesem Leben meine angesammelten Minusstunden wieder reinarbeiten?

TüBus-Helden
In der Zwischenzeit sind wir sozusagen Corona-entspannt geworden, oder anders gesagt: Was soll uns denn nach diesem Jahr noch schrecken? Lasst mich nur ein Beispiel machen: Hätten unsere Kolleginnen und Kollegen vom TüBus geahnt, in welcher Geschwindigkeit, unter welchen Bedingungen und – vor allem – wie häufig sie in diesem Jahr den Fahrplan anpassen müssen, sie hätten laut gelacht. Unmöglich. Nicht zu schaffen. Forget it. Nach der gefühlt 25. Anpassung: ein müdes Lächeln, ein Schulterzucken und weiter geht’s! Was allein dieses Team in diesem Jahr geleistet hat, ist unfassbar. Dazu: Busfahrerinnen und Busfahrer, die nicht nur täglich in vorderster Front den Viren ausgesetzt waren (trotz Scheiben und Maske). Sondern die auch Tag für Tag für Tag über Sinn und Zweck der Maske diskutieren mussten. Wir waren es so leid, sind es leid! Was soll das? Maskenverweigerer und Masken-unter-der-Nase-Träger bringen mich selbst im warmen Büro auf die Palme. Wie muss es erst denen hinterm Steuer gehen?


So deutlich haben wir das natürlich nicht gesagt, gehört sich ja nicht in der offiziellen Unternehmenskommunikation. Stattdessen: immer und immer wieder an die Solidarität der Fahrgäste appelliert. Und die Fahrerinnen und Fahrer? Sie fahren einfach weiter, klagen (fast) nicht und sind immer noch für ein Lächeln und ein paar nette Worte zu haben. Großartig!

Heute haben wir entschieden, das Kundenzentrum ab 16.12. zu schließen. Keine große Sache mehr, Pressemitteilung, Facebook-Post und fertig ist das Thema. Das meine ich, wenn ich von „Corona-entspannt“ spreche. Entscheidungen, die uns vor einem Jahr Schnappatmung beschert hätten, werden heute einfach getroffen, kommuniziert – und klaglos hingenommen. Vorgezogene Ferien? Kein Problem, ich schreibe diesen Blog-Beitrag einfach heute Abend fertig.

Marion Seidenspinner kam im Juli nach einem Jahr aus der Elternzeit zurück ins Rechnungswesen der swt. Sie kennt die Stadtwerke seit 19 Jahren. Und doch hat sich in diesem einen Jahr viel verändert:
„Obwohl zu der Zeit ja immer noch viele Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice waren, bin ich im Juli das erste Mal wieder unter Menschen gekommen, habe wieder Dinge und vor allem Zeit mit anderen geteilt. Davor, im ersten Lockdown war ich wochenlang mit Kind zuhause. Komisch – das beschreibt das Gefühl am besten. Die großen Veränderungen habe ich erst zeitverzögert wahrgenommen. Immer noch habe ich zum Beispiel viele meiner Kollegen nicht persönlich wiedergesehen.“

Wir haben dazugelernt. Und sind an und mit der Situation gewachsen. Trotz wirtschaftlicher Einbußen wird das Unternehmen Stadtwerke Tübingen weiterbestehen und aller Voraussicht nach auch weiterwachsen. Vielleicht nicht sofort, aber doch in Zukunft. Denn das, was wir tun, ist krisenfest. Gott sei Dank – denn diese Sicherheit lässt uns die Lage recht gut verkraften. Mit „uns“ meine ich die rund 530 Kolleginnen und Kollegen. Väter, Mütter, Junge, Alte, Erfahrene und Neue. Wahrscheinlich gibt es unzählige Sichtweisen auf das Geschehen dieses Jahres. Diese ist nur eine ganz persönliche, es ist meine Sichtweise.


Düstere Prognose: Niko
Wahrscheinlich wird es mit Corona so sein, wie mit dem 11. September 2001: Jeder weiß noch ganz genau, was er oder sie im Moment des Lockdowns oder kurz davor oder danach gemacht hat. Wer hat damit gerechnet, dass im Frühjahr von heute auf morgen das Leben stillsteht? Ich nicht. Im Gegenteil. Kollege Niko Fritz aus dem Nebenbüro war schon im Februar pessimistisch, ja geradezu apokalyptisch. Und das Gespött der ganzen Mannschaft. Niko: Du hattest Recht und doch haben wir es hinbekommen. Wenn wir uns heute bei einer der wenigen Gelegenheiten sehen, schmunzeln wir über die Anfänge, wo wir noch lachend die Hände desinfiziert haben. In dem Bewusstsein, dass wir etwas ganz und gar Ungewöhnliches tun. (By the way: juckt das heute noch irgendjemanden? Menschen mit sich aneinander reibenden, nach Alkohol stinkenden Händen?  Eher nicht.)


Niko Fritz war einer der ersten Corona-Propheten. Von den Kollegen belächelt, hat er schon ganz früh den Lockdown vorhergesehen. Und musste selbst große private und berufliche Herausforderungen meistern:
„Mir war schnell klar,
dass das Virus keinen Halt vor Grenzen machen wird. Heute ist unser kleiner Sohn da, ich habe eine neue Stelle im Unternehmen angetreten und die Pandemie ist in vollem Gange. Leider gibt es immer noch genügend Menschen, die das Virus nicht ernst nehmen und andere damit gefährden. Die damaligen Sorgen und Ängste haben sich in eine gewisse Routine umgewandelt. Rückblickend auf das Jahr 2020 sind da ganz unterschiedliche Gefühle. Zum einen bin ich froh, dass das Jahr ein Ende findet zum anderen gab es auch viele schöne Momente, wie die Geburt meines Sohnes.“

Corona ist längst nicht vorbei, auch wenn die jüngsten Entwicklungen beim Thema Impfstoff Mut machen und Hoffnung schenken. Dennoch: Was wir gemeinsam bis heute geschafft haben ist vielleicht mehr wert als jedes erreichte Jahresziel davor. Denn das hat uns gezeigt: Wir funktionieren als Unternehmen und als Kolleginnen und Kollegen auch unter schlechtesten Bedingungen. Dafür bin ich dankbar.

Klingt fast so, als wäre Corona für mich nichts weiter als eine lehrreiche Erfahrung. Ist es nicht. Denn in der Betrachtung fehlt der ganz private, persönliche Teil: Können wir die Eltern noch treffen, wieviel ist für Kinder zumutbar, welche Folgen hat die soziale Abschottung auf unsere Psyche und natürlich nicht zuletzt: bleiben wir alle gesund? Und doch wird mit etwas Ruhe und Abstand bewusst: Es hätte so viel schlimmer kommen können. Denn ich musste mir zu keinem Zeitpunkt Sorgen oder Gedanken um meine wirtschaftliche Existenz machen, um meine berufliche Zukunft. Nur um meinen Rücken sorge ich mich. Neun Monate arbeiten am Küchentisch hinterlassen halt doch Spuren.

In diesem Sinne: Euch und uns allen ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr!

4 Gedanken zu „Mein 2020: Von Viren-Frust und alten Homeoffice-Hasen“

  1. Liebe Frau Wasner,
    ein schöner und besonders einfühlsamer Blog-Eintrag, herzlichen Dank dafür. Er hat mir einen guten Eindruck über die persönliche Situation bei den swt-Mitarbeiter*innen gegeben. Ich wünsche Ihnen allen nun einige erholsame Tage, einen guten Start ins neue Jahr und vor allem viel Gesundheit! Herzlichen Dank!
    Ihr Achim Kötzle

  2. All you swt’ler: What an incredible, difficult, crazy year. All the best! Thanks for sharing the familiar, well-written thoughts, Melanie. Ring in the new year well, and look forward to it.

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