Zeitsprung: Jung, modern, Erdgas!

„Junge, moderne Menschen voller Energie – wie Erdgas, das sie verwenden“, titelte vor 50 Jahren unser Kundenmagazin „miteinander“. Es folgte eine Marketingkampagne, die seinerzeit beispiellos war …

Jung, modern – Erdgas? Im Ernst jetzt? Heute gelten fossile Energieträger als überholt. Von ihnen wollen wir gerne wegkommen. Wir diskutieren über klimafreundlichere Alternativen, über Biomasse, Solarthermie, Erdwärme. Und darüber, ob die Pipeline Nordstream 2, die politisch so hohe Wellen schlägt, überhaupt notwendig ist. Vor 50 Jahren jedenfalls war Erdgas DIE moderne, saubere Energielösung. Damals ganz neu. Und die Versorgung auf Erdgas umzustellen, war eine große Sache für die Stadtwerke, ihre Kundinnen und Kunden. Uns bringt das zum Nachdenken über die Vergänglichkeit von Innovation, die plötzlich von gestern ist, darüber, wie technische Trends von der Geschichte überholt werden und dass das Modernisieren nie ein Ende hat.

1969: Das Kundenmagazin „miteinander“ beschäftigt sich mit dem Thema Erdgas.

Zeitreise ins alte Gaswerk
Aber hat man Gas nicht schon ewig genutzt? Schon richtig. Das Tübinger Gaswerk von 1862 war ja die Keimzelle der späteren Stadtwerke. Es brachte Licht in Tübingens Straßen. Ohne Gas war eine ordentliche Straßenbeleuchtung nicht zu haben. Gemeint ist hier nicht Erdgas, sondern solches, das man erst selbst herstellen musste: Stadtgas oder Leuchtgas.

Große Städte waren Vorreiter: London 1812, Berlin 1825. Bald entstanden Gaswerke in nahezu jeder Stadt. Und nachdem Tübingen 1861 einen Eisenbahnanschluss bekommen hatte, konnte auch hier die nötige Steinkohle beschafft werden. Die brauchte man für die Gasproduktion. Das erste Gaswerk stand an der Reutlinger Straße. Hier malochten die Arbeiter in der ungeheuren Hitze der Öfen, in denen die Kohle unter Luftabschluss „vergaste“. Als ganze 185 Gaslaternen zum ersten Mal Tübingens Hauptstraßen erhellten, wurden sie mit einem großen Fest gefeiert. Gaslicht leuchtete bald auch in Uni-Instituten, OP-Sälen und in Privathäusern. Schieferöl-Laternen und Petroleum-Funzeln hatten ausgedient.

Eine Revolution!
Das Gaslicht veränderte den Alltag. Es machte Straßen sicherer, ermöglichte längeres Arbeiten und Abendbeschäftigungen zu Hause. Heizung und Gasherde, Durchlauferhitzer und Badeöfen brachten nie gekannten Komfort. Gaswaschmaschinen, Gasbügeleisen, sogar gasbetriebene Kaffeeröster und Zigarrenanzünder kamen auf dem Markt. Anfang des 20. Jahrhunderts machte dann die Elektrizität Konkurrenz: Sie galt als sauberer, leichter zu handhaben und vor allem ungefährlicher. Tatsächlich konnte das Stadtgas wegen seines hohen Kohlenmonoxid-Anteils beim Einatmen schnell zu Vergiftung, ja zum Tod führen. So wuchs auch in Tübingen der Stromhunger schnell und schneller. Die letzten Gaslaternen erloschen 1935. Zum Heizen oder Kochen blieb Gas unschlagbar.

Aus der Ferne statt aus der Stadt
Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen die französischen Besatzer das Aus für das marode Tübinger Gaswerk. Fremdversorgung statt Selbermachen war die Devise. Man schloss einen Vertrag mit Reutlingen und bezog ab 1948 über eine Fernleitung Stadtgas aus dem modernisierten Reutlinger Werk. Der Tübinger Südstadt ersparte das die Rauchschwaden.

Bis heute bekommen wir in Tübingen unser Gas über Reutlingen. 1966 gab man auch dort die Eigenproduktion auf und setzte auf Raffineriegas, das bei der Verarbeitung von Rohöl anfällt. Transportiert wurde es über die „Schwabenleitung“ der Gasversorgung Süddeutschland (GVS), die von Mannheim bis Ulm reicht. Derweil wuchsen in Tübingen Kundenzahl und Leitungsnetz. Der Kugelhochdruckbehälter mit 40.000 m³ Fassungsvermögen wurde gebaut.  

Richtfest der Gaskugel 1966.

Was Erdgas überhaupt ist …
… weiß heute beinahe jedes Kind: eine fossile Energiequelle aus der Tiefe, natürlich entstanden. Schon in der Antike waren aus Erdspalten genährte Gasflammen bekannt. Trotzdem wurde Erdgas bis weit ins 20. Jahrhundert nicht genutzt, sondern bei der Erdölförderung als Abfallprodukt abgefackelt. In Europa hielt Erdgas in den 1960er Jahren Einzug, nachdem in den Niederlanden, dann in der Nordsee größere Vorkommen entdeckt worden waren. Später kamen Russland und Norwegen als Lieferanten dazu. Deutschland – auch die GVS – stellte ab 1969 die Versorgung auf Erdgas um. Bei uns war es 1970 soweit.

Erdgas ist ein Gasgemisch, hauptsächlich aus hochentzündlichem Methan. Günstiger als Stadtgas und mit wesentlich höherer Energiedichte bot es Versorgern wie Verbrauchern neue Möglichkeiten: Nun konnte die doppelte Energiemenge durch die Leitungen fließen, doppelt so viele Geräte konnten angeschlossen werden.

Nicht verkehrt: ein Allgasherd!
Die Krux war: Nur die wenigsten Geräte waren so ohne Weiteres für Erdgas geeignet. Heizwert und Betriebsdruck waren ja ein anderer als beim Stadtgas. Auch bestand die Gefahr, dass die üblichen Hanfdichtungen austrockneten. Die Stadtwerke starteten daher zusammen mit Fachhändlern und Installateuren eine große Beratungsoffensive. An der Ecke Lange Gasse/Hintere Grabenstraße wurde eigens ein „Erdgasinformationszentrum“ gegründet. Rund 10.000 private und gewerbliche Gaskunden wurden aufgesucht oder kontaktiert (nur 67 waren nicht anzutreffen!), 25.755 Gasgeräte erfasst. Anfang 1970 begann die Umstellungs- und Umtauschaktion: In der Umbauwerkstatt tauschten Stadtwerke-Techniker Düsen und Dichtungen aus, bei „Allgasgeräten“ konnte das zuhause durch den Fachmann geschehen. Wenn Gasherde ersetzt werden mussten, förderten die swt den Neukauf.

Der Schraubenzieher des Fachmanns genügt: Das Kundenmagazin informierte ab 1969 ausführlich, wie Geräte „erdgasreif“ gemacht werden können.

Parallel erneuerten die swt größere Leitungsstrecken im Stadtgebiet. Hausleitungen brauchten trotz höherem Druck nicht verstärkt zu werden. Um Undichtigkeiten schnell zu orten, wurden dem Erdgas eine Zeit lang Geruchsstoffe zugesetzt.  

Über 17.000 Gasgeräte wurden 1970 auf Erdgasbetrieb umgestellt.

„Ein voller Erfolg“
Im Juli 1970 schickten die Stadtwerke eine Erfolgsmeldung an die Stadt: 7.000 Besucher im Erdgasinformationszentrum, 17.756 Haushaltsgeräte von 10.155 Gaskunden umgestellt – alles reibungslos und in guter Zusammenarbeit mit GVS und Handwerk. Der Unterschied würde „von den Kunden kaum bemerkt“. Zwar habe es anfangs eine Welle von Reklamationen gegeben und der Störungsdienst musste häufig die Luftzufuhr nachregulieren. Aber: „Dass es während dieser Aktion, die fast ein halbes Jahr dauerte, bei der großen Vielzahl von Einzelgeräten im Gasrohrnetz und in den Hausinstallationen zu keinem Unfall gekommen ist, kann mit besonderer Genugtuung hervorgehoben werden.“

Der angenehme Effekt für die Kunden: Die Preise sanken um etwa zehn Prozent. (Man rechnete noch in Kalorien ab – daher ersparen wir uns an dieser Stelle Vergleichsrechnungen).

14 Millionen DM hatten die Stadtwerke in die Erdgasumstellung investiert – in dieser Zeit des billigen Erdöls durchaus umstritten. Doch mit den bald folgenden Ölkrisen erwies sich die Entscheidung als richtig. Ökonomisch wie ökologisch, denn Erdgas verbrennt mit deutlich geringeren Emissionen. Der Absatz stieg. Allein der erste Großkunde, das Fernheizwerk der Universität, verdoppelte ihn.

Aus Erdgas wird Fernwärme
Schon als Tübingen in den 1960er-Jahren die Hänge hinaufwuchs, hatte man eine Fernwärmeversorgung geplant – ein neuer Betriebszweig für die Stadtwerke, in dem das Erdgas nun die Hauptrolle spielen sollte. Umweltaspekte gerieten stärker ins Bewusstsein und bereits 1981 beschloss der Stadtrat ein Energiekonzept, das auf Kraft-Wärme-Kopplung, Fernwärme und erneuerbare Energien setzte. Für die neuen Gaskraftwerke wurde eine zweite Ferngasleitung notwendig.

Und heute…
… versorgen die swt mehr als 13.000 Erdgas- und 1.400 Wärmekunden. Ihre erdgasbetriebenen Blockheizkraftwerke, die Strom und Wärme zugleich erzeugen, tun das unschlagbar effizient und ressourcenschonend. Man wird sie noch eine Weile brauchen. Doch die nächste „Umstellung“ kündigt sich bereits an: Solarthermie, Erdsonden, Wärmepumpen, Biomasse-BHKWs, Industrieabwärme – so soll die Wärmeversorgung der Zukunft aussehen. Um Tübingen klimaneutral zu machen, wird „der Schraubenzieher des Fachmanns“ wie 1970 nicht ausreichen.

Gleichzeitig kehrt sich der Trend wieder um, von der Beschaffung aus der Ferne zum Selbst-Erzeugen vor Ort. Und das so ökologisch wie noch nie. Bis irgendwann dann die nächste bahnbrechende Innovation Einzug hält.

(Übrigens war Ende der 1970er-Jahre die Umstellung auf Erdgas bundesweit abgeschlossen – nur nicht in West-Berlin, wo aus politischen Gründen erst nach dem Mauerfall Erdgas aus Russland strömte und die letzten schummrigen Stadtgaslaternen erloschen. In kohlereichen Regionen Chinas werden noch heute Stadtgasnetze betrieben.)

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