Ist das Kunst oder kann das weg?

Mit Graffiti gegen Graffiti? Klingt gewagt, klappt aber. Und gleichzeitig macht die Streetart begabter Tübinger Künstler unsere Stadt noch ein bisschen schöner. Und so weltmännisch-urban!

Graffiti ist in Tübingen ja ein ganz heikles Thema. Spätestens seit Oberbürgermeister Boris Palmer der illegalen Sprayerszene öffentlich den Kampf angesagt hat, sind Graffitis und deren Beseitigung auf den Seiten der Lokalpresse angekommen. OB Palmer bekommt dafür Applaus und Schelte gleichermaßen. Zu teuer und obendrein nutzlos seien die aufwändigen Reinigungsarbeiten, die mittlerweile mit exorbitant hohen Summen den städtischen Geldbeutel belasten. Gleichzeitig fordern viele, zumeist junge Kreative mehr legale Flächen für ihre Kunst. Und – diese Forderung darf bei der Diskussion natürlich niemals fehlen: Höhere Strafen für Sprayer, die Sachbeschädigungen durch Graffitis zu verantworten haben.

Looven und der Friedensvogel.

Soweit so klar. Aber welche Rolle spielen wir als Stadtwerke Tübingen bei diesem Thema? Ist das überhaupt unser Thema? Erstmal: Illegale Graffitis an unseren rund 220 Trafostationen im Stadtgebiet sind Sachbeschädigung. Fakt. Darüber könnte man – bei aller ästhetischen Empörung – hinwegsehen. Spätestens, wenn die Motive aber rassistischer, sexistischer oder gewaltverherrlichender Natur sind, hört der Spaß auf. Dann entfernen wir die Graffitis nicht nur, sondern bringen die Sachbeschädigung auch zur Anzeige. Jetzt ist es unser Thema.

Teuer und kein bisschen nachhaltig
Die Reinigung ist so aufwändig, dass schnell mal mehrere hundert Euro auf dem Zettel stehen – pro Station. Teuer und kein bisschen nachhaltig. Denn frisch gereinigte Flächen scheinen Schmierereien geradezu magisch anzuziehen: Jede vierte der insgesamt 220 Trafostationen im Stadtgebiet ist verunstaltet. Nun könnte man hier einen Punkt machen und das Thema wäre – zumindest für die große Mehrheit – erledigt.

Oder wir machen Graffiti erst recht zum swt-Thema: Genau das hat ein schlauer Kopf 2018 getan. Seither gehen wir das Thema aktiv an und setzen kurzerhand auf die Sprayer-Ehre! Diese besagt: Kunstwerke anderer Sprayer werden nicht übersprüht oder verschandelt. Nun sind verschiedene Künstler aus der professionellen Sprayerszene für uns im Einsatz – und das höchst legal. Wir wählen nach und nach Trafostationen im Stadtgebiet aus und lassen sie von Graffitikünstlern gestalten. Bisher ist diese Strategie erfolgreich. Wir hoffen, dass es so bleibt.

Graffiti: Mittel zum Zweck?
Ist das unser Antrieb? Mit „echter“ Kunst „unechte“ verhindern? Jein. Illegale Graffitis waren und sind ein Ärgernis, sie sind teuer und häufig nicht schön.  Aber das ist es nicht nur: Irgendwie gefallen wir uns auch ganz gut in dieser Rolle: Vermittler zwischen Kunst und Technik, auch ein bisschen zwischen jung und alt, modern und klassisch. Zwischen gut und gutgemeint. Etwas Positives ermöglichen und gleichzeitig ein Problem lösen. Und: Aufwerten und gleichzeitig sparen – das ist sowieso ganz in unserem Sinne.

Unser Einsatz kann sich nach zwei Jahren sehen lassen! Deshalb wagen wir jetzt mal eine ganz steile These: Tübingen hat durch unseren Richtungswechsel im Umgang mit Graffitis nun mehr zu bieten als Hölderlin und Stocherkahn. Nämlich richtig gut gemachte Streetart!

Graffiti-Hotspots
Vom Ärgernis zum optischen Highlight: Schon im Frühjahr 2018 wurde der Graffiti-Künstler „Jeroo“ engagiert, die Heizzentrale im Loretto-Viertel zu verschönern. Ebenfalls aus Jeroos Dose: Die wogenden Wellen in der Stauffenbergstraße. Im Juli 2018 bekam der Wasserbehälter auf dem Österberg eine passende Fassadengestaltung.

Fische am Stauwehr, Türme an der Steinlach, ein Schwan am Parkhaus
Der Tübinger Johannes Blinkle, der in der Sprayer-Szene als „Looven“ bekannt ist, gestaltete im Mai 2018 eine Trafostation mit Bushaltestelle in der Moltkestraße am Steinlachufer. Letztes Jahr gestaltete „Looven“ einen Trafotürm an der Steinlachallee mit Naturmotiven. Im Juni 2019 nahm er sich dann, ebenfalls an der Steinlach, den Trafoturm bei der Gewerbeschule vor. Etwas außerhalb der Stadtgrenzen, am Hirschauer Neckarwehr, zieren springende Fische  seit August 2019 die zuvor grauen Wände. Und ein weißer Schwan verschönert das Parkhaus Metropol an der Hechinger Straße.

Der Tübinger Adler
Jede Tübingerin und jeder Tübinger kennt die Adlerkreuzung. Sie verdankt ihren Namen dem früheren Hotel und Gasthof Adler. Das gibt es längst nicht mehr, der Name ist geblieben. Höchste Zeit, dass die Kreuzung wieder einen Adler bekommt. Das dachte sich auch der Tübinger Graffiti-Künstlers Felix Schwarz alias „Mango“ und verwandelte die Trafostation in Lustnau letztes Jahr in einen Adlerhorst. Erst vor kurzem, im Corona-Herbst 2020 verschönerte Mango den Haagtorplatz mit einem bunten Vogelmotiv.

Bereits im Juni 2018 durften Schulkinder der Grundschule am Hechinger Eck die Trafostation auf ihrem Schulgelände besprühen – unter Mangos Anleitung.

Kunst am Schalthaus
Der Tübinger Künstler „El Niño“ bringt Kunst mit Bedeutung an das Schalthaus in der Schwärzlocher Straße.

Den Tübingerinnen und Tübingern gefällt’s
Kunstverstand und Geschmack – das beweisen die Anwohnerinnen und Anwohner seit Beginn unserer Aktion. Fast ausschließlich positive Rückmeldungen haben wir bekommen. Deshalb machen wir weiter. Und eben auch deshalb: Der Versuch, Schmierereien mit professionell gestalteten Flächen zu reduzieren, ist geglückt. Die Graffitis der Künstler sind bisher nicht übersprüht worden.

4 Gedanken zu „Ist das Kunst oder kann das weg?“

  1. Ich musste selbst schon an meiner Fassade ein Graffiti entfernen und weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. Umso spannender finde ich, wenn aus den vermeintlichen Schmierereien wahre Kunstwerke werde. Mir gefällt die Aktion wirklich sehr, dass die Sprayer ihrer Arbeit freien Lauf lassen können und die Häuschen eine tolle Optik erhalten. Es sind wirklich tolle Bilder entstanden und das trägt doch auch zu einem tollen Stadtbild bei.

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