Spar ich mir das Wassersparen?

Hahn auf, Wasser marsch! Das Trinkwasser fließt, Minute um Minute. Ein Lebensmittel, das uns tagtäglich begleitet, das uns (scheinbar) unbegrenzt zur Verfügung steht, höchste Qualität besitzt und günstig aus der Leitung kommt. Wir sprechen mit Matthias Jeckel, unserem Bereichsleiter Netze, über aktuelle Herausforderungen und den richtigen Umgang mit der Ressource Trinkwasser. Wir gehen der Frage nach, ob Wassersparen sinnvoll ist oder ob wir uns das besser sparen sollten und geben Euch zum richtigen Umgang ehrliche Tipps.

Matthias Jeckel ist unser Mann fürs Wassernetz. Er ist Bereichsleiter Netze bei den swt.

Ohne Wasser kein Leben, soviel ist jedem von uns klar. Selbstverständlich ist das für uns, so zuverlässig wie der Sonnenauf- und Untergang jeden Tag. Grundsätzlich kein Problem in unserer Region, aber nicht überall in Deutschland. Das Trinkwasser fließt, Minute um Minute. Dass das aber nicht überall auf der Welt so ist, lernen wir schon als Kinder und das ist nach wie vor richtig. Sicher habe nicht nur ich beim Zähneputzen meine Mama im Ohr, die mich ermahnt beim Zähneputzen doch bitte den Wasserhahn abzustellen, denn Wasser muss gespart werden. Sogar auf meiner aktuellen Zahnpastatube steht es schwarz auf weiß.

Kann ich mir das Wassersparen sparen?
Müssen wir hier in Tübingen Wasser sparen, wie sinnvoll ist das überhaupt oder kann ich mir das sparen? Dieser Frage will ich nachgehen und einen Profi um Rat fragen – meinen Kollegen Matthias Jeckel. Er ist Bereichsleiter „Netze“ bei den swt und damit Chef des Tübinger Wassernetzes.

Jeder von uns weiß, dass die Sommer trockener sind und der Grundwasserpegel sinkt. Wieso rufen die Verantwortlichen der öffentlichen Wasserversorgungen, in meinem Fall aus unserer Abteilung im Stockwerk gegenüber, dennoch nie explizit zum Sparen auf, nicht mal die Schwaben in Tübingen? Vermutlich ist im Bodensee noch genug und es fließt ja sowieso den Rhein hinunter. Muss ich mir Gedanken dazu machen und muss dieses Lebenselixier besonders geschützt werden?

Den Bodensee trinken wir nicht leer
Vorneweg sollte ich wissen: Bis das Wasser aus unseren Tübinger Leitungen fließt, hat es wirklich eine mehrtätige Reise hinter sich. Fünf Tage braucht unser Wasser, um aus den Tiefen des Überlinger Sees bei uns anzukommen. Hier wie dort können wir den Klimawandel spüren. Niedrige Wasserstände sah sogar ich als Laie, als ich im letzten August im Bodensee schwamm. Die Experten sehen aber in der Summe der Niederschläge keine Änderung, nur eine zeitliche Verschiebung. Die Schwankungen haben keine Auswirkung auf unsere Trinkwasserversorgung. Jährlich verdunstet mehr als für unser Trinkwasser entnommen wird. Die Betreiber der Bodensee-Wasserversorgung beschäftigen sich intensiv mit den möglichen Auswirkungen des Wandels und arbeiten kontinuierlich am Projekt Zukunftsquelle – ganz nach dem Motto „Wasser für Generationen“. Das finde ich als Grundlage zum Thema beruhigend, ist so doch die Versorgung Tübingens langfristig gesichert. Auch Matthias sieht das so.

Alles geht (irgendwann) den Bach runter
Experten unter unseren Lesern wissen bereits, dass wir dem kostenbaren Bodensee-Elixier noch Grundwasser aus dem Neckartal beimischen. 20 Prozent, aus eigenen Brunnen gefördert, fügen wir im Wassermischbehälter Sand bei und verteilen es dann über unser Leitungsnetz. Das alles verantwortet Matthias. Täglich verwenden wir pro Kopf 123 Liter unseres wertvollen Trinkwassers im Haushalt. Er wiederholt dazu gerne, dass „wir das Wasser benutzen, wir verbrauchen es aber nicht – und am Ende geht es doch irgendwann den Rhein hinunter.“ Es geht also sprichwörtlich „den Bach nah“? Stimmt, nur nimmt unser Wasser den Umweg über den Neckar und fließt nicht direkt bei Stein am Rhein vom Bodensee in den Hochrhein. Ich kann zusammenfassen: Es fließt alles dem natürlichen Wasserkreislauf zu. Klingt das nicht schön und nach „Heile Welt“?!

Volles Rohr durch die Stadt
Aber wie ist das mit dem Wasser sparen hier in Tübingen, möchte ich von Matthias wissen. Wäre es ihm nicht am liebsten, wenn ich meinen Verbrauch, oder besser gesagt mein „Wassernutzungsverhalten“ dennoch optimiere? In meinen Augen, und dem stimmt er voll zu, ist es sinnvoll und gut für mein Gewissen das Verhalten zu verbessern. Ich wasche meinen Salat in einer Schüssel in der Spüle und beglücke damit anschließend meine Zimmerpflanzen. Geschirr unter fließendem Wasser abzuspülen kommt mir auch nicht in den Sinn, das ist nicht ressourcenschonend.

Er erklärt mir die Auswirkungen, die hingegen übertriebenes Sparen mit sich bringen: Die Leitungen, die die Stadtwerke Tübingen in der Vergangenheit verbaut haben, oder noch verbauen werden, sind so groß dimensioniert, dass sie auch dann noch die Versorgung mit Wasser gewährleisten können, wenn morgens alle gleichzeitig duschen. Also bei klassischen „Verbrauchsspitzen“ am Morgen wird keiner auf dem Trockenen sitzen. Ganz klar wird es mir, als er von Omas leerstehendem Haus erzählt. Wenn hier das Wasser lange in der Leitung steht, bilden sich Keime und es wird unhygienisch. Wenn also in den großen Rohren der Stadtwerke zu wenig Wasser fließt, weil alle den Hahn kaum aufdrehen, dann verringert sich mit dem Durchfluss die Fließgeschwindigkeit. In diesem Fall muss er mit seinem Team aufwendige und wasserintensive Reinigungen veranlassen. Dazu kommt, dass die Korrosion in unseren Versorgungsrohren schneller voranschreitet und der höhere Schmutzanteil (auf weniger Wasser gesehen) auch auf der anderen Seite die städtische Abwasserreinigung erschwert. Am besten ist es also, das Rohr (alias Trinkwasserleitung) ist vollgefüllt und läuft gut durchflossen durch die Stadt.

Matthias Jeckel beim Blick auf die Tübinger Netzlandschaft.

Wasser sparen zahlt sich bei uns nicht aus
Schließlich ist es Matthias Aufgabe, die 600 km Rohrinfrastruktur für die Trinkwasserversorgung in bestem Zustand zu halten und für ein 100 Prozent sicheres Lebensmittel ohne Verkeimung zu sorgen. Sinkt mein Verbrauch weiter, steigen folglich die Kosten beim Versorger. Unsere höheren Grundkosten legen wir im Endeffekt auf die Verbraucher um. Der geringere Verbrauchspreis, der sich nach Kubikmetern berechnet, fällt durch meine Wasserspar-Aktionen nicht ins Gewicht. Da beißt sich doch die Katz in den Schwanz! Damit hatte ich nicht gerechnet und das Bild meiner wassersparenden Erziehung gerät etwas ins Wanken.

Wie ich unser Wasser (doch noch) rette
Matthias hat das geahnt und gibt mir noch drei Dinge mit auf den Weg. Ich muss, als Öko-Tübingerin, meinen privaten Konsum überdenken. Erdbeeren im Winter aus Andalusien, Kartoffel aus Ägypten oder Spargel aus Chile. Das sind alles Lebensmittel, die zu anderen Jahreszeiten auch bei uns in der Region wachsen und nicht aus Ländern mit echter Wasserknappheit eingeflogen werden müssen. Durch unsere Nachfrage erhöhen wir den Wasserbedarf dort noch. Ich kann also meinen Blick auf das „virtuelle Wasser“ in meinem Obst und Gemüse und den damit verbundenen Wasserfußabdruck richten.

Sein zweites Anliegen betrifft mein Lieblingsthema: Umweltschutz vor Ort. Ich soll unser Wasser nicht unnötig verschmutzen. Für ihn wiegt dieses Argument sehr viel mehr als das Thema übertriebenes Wassersparen. Er sagt, ich könne mein Trinkwasser selbst schützen und muss dazu nicht an den Bodensee, denn ein Teil kommt wie gesagt hier aus dem Neckartal. Dort, wo Grundwasser entnommen wird, sind Wasserschutzgebiete ausgewiesen. Die Felder zwischen Hirschau und Bühl gehören dazu, oder die Jahnallee zwischen SV03-Stadion und Wildermuth-Gymnasium und das untere Neckartal zwischen Hornbach und Lustnau. Die Tübinger unter euch erinnern sich an die öffentliche Diskussion um den Erhalt des Au-Brunnens und seines Schutzgebiets.

Auch wenn ich keine Landwirtin bin, keine Gülle ausfahre und diese Bereiche nur vom Radweg her kenne, kann ich aktiv werden, sagt Matthias. Indem ich meine alten Medikamente nicht in der Toilette runterspüle, sondern als Problemstoff entsorge. Indem ich alte Batterien oder Farbeimer nicht in den Hausmüll werfe. Klingt logisch, nachvollziehbar und ist leicht machbar für mich. Auch mein Auto wasche ich nicht in der Hofeinfahrt in der Altstadt. „Ein Liter Altöl kann hunderttausende Liter Wasser verschmutzen.“ Oder das Waschmittel etwas geringer dosieren und nicht unnötig viel zugeben. Guter Einwand – daran werde ich in Zukunft noch arbeiten.

Sein dritter Punkt: Energie sparen ist wichtig und richtig. Wenn ich öfters den Wasserhahn kalt aufdrehe und nicht unnötig viel warmes Wasser benutze, dann wird sich das an meiner Energiekostenabrechnung am Ende bemerkbar machen. Von meiner heißen morgendlichen Dusche wird mich das aber ehrlich gesagt nicht abbringen.

Das alles ergibt für ihn Sinn und dafür macht Matthias sich stark, während er hier an unserer höchst komplexen Infrastruktur tüftelt, halb Tübingen umgräbt, um neue Wasser-Haupttransportleitungen für die nächsten 80 Jahre zu verlegen.

Mein großer Fußabdruck muss unter die Lupe
Und was heißt virtuelles Wasser konkret? Das ist ein Thema für sich und folgt an dieser Stelle. Aber dennoch habe ich gelernt, dass mein kleiner Verzicht auf Erdbeeren im Winter in anderen Teilen der Erde, die stark von Wassermangel heimgesucht sind, eine ganze Menge bewegen kann. Es wäre vermessen, die Wasserthematik nur regional zu beleuchten – erst durch einen globalen Blick kann ich wirklich etwas bewirken. Meinen „Wasserfußabdruck“ werde ich mir berechnen und beim nächsten Einkauf nachvollziehen.

Danke, dass es läuft
Nun denke ich beim nächsten Zähneputzen an Mattias Worte und helfe ohne allzu schlechtes Gewissen vielleicht dabei, die Leitungen mit kaltem Wasser durchzuspülen, wenn ich mal wieder gedankenverloren den Hahn aufgedreht lasse. Meiner Mutter werde ich beim nächsten Kaffee davon erzählen. Danke, Matthias, für deine neuen Impulse und die Gewissheit, dass mit dem TüWasser, meinem Lebenselixier Trinkwasser und unseren Leitungen bei Dir alles in besten Händen ist.


Wer es nicht erwarten kann, erhält hier einen Einblick in das Thema virtuelles Wasser:
http://www.virtuelles-wasser.de/was-ist-virtuelles-wasser/  https://www.waterfootprint.org/en/resources/interactive-tools/product-gallery/

8 Gedanken zu „Spar ich mir das Wassersparen?“

    1. Danke Ronja für dein Feedback, freut uns, dass Dir der Artikel gefallen hat. Gerne darfst Du den Beitrag auch über die soziale Medien teilen und weiterleiten. Auch wir sind der Meinung, es handelt sich um ein wichtiges Thema, über das noch nicht genug gesprochen wurde.

  1. Dieser Beitrag gehört unbedingt noch viel breiter veröffentlicht! Vor Jahren schon habe ich genau dieses schon erfahren und kapiert. Ich spüle regelmäßig unsere Wasserentnahmestellen, die weniger regelmässig benützt werden. (Stichwort 3 Min. Wasser Marsch!) Aber es ist unglaublich welcher Blödsinn im Augenblick mit dem Wasser sparen verzapft wird!!

    1. Hallo Gudrun, vielen Dank für deinen Kommentar zu unserem Wasser-Artikel. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass viel Aufwand für unser sauberes Trinkwasser betrieben werden muss und dass das übertriebene Wassersparen hier bei uns vor Ort kontraproduktiv ist. Auch wir appellieren an einen ressourcenbewussten Umgang mit unserem Wasser und sind gegen unnütze Verschwendung. Gerne kannst Du unseren Artikel teilen und weiterleiten. Wir behalten das Thema im Auge und werden weiter dazu berichten.

  2. Liebe Katharina,
    mit großem Interesse habe ich deinen Artikel gelesen und einiges dazu gelernt.
    Liebe Grüße
    Deine Mami

    1. Das freut mich sehr, auch ich lerne hier nie aus! Für mich war die Einarbeitung in die Thematik Trinkwasser spannend und ebenso neu. Du darfst auf den nächsten Beitrag zum „Virtuellen Wasser“ gespannt sein, der möglicherweise noch diese Woche erscheint.

  3. … vielleicht kann eine intelligente Auswertung der Wasser-Abrechnung mittels Kommentierung dem Verbrauchsverhalten von Extrem-Sparen und Extrem-Verschwendern entsprechende Korrekturimpulse geben.

    1. Vielen Dank für diese Anregung, das gebe ich intern gerne weiter. Sicher spannend zu wissen, ob man selbst über oder unter dem Durchschnittsverbrauch von rund 123 Litern Wasser pro Tag liegt.

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