Teil 1: Unser Freibad wird 70!

„Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nüscht wie raus“ – ins Freibad! Als nämlich die kleine Conny Froboess im Juni 1951 mit diesem Schlager ganz groß herauskam, war unser Tübinger Freibad gerade frisch eröffnet. Endlich gab es auch hier einen Sommer-Sehnsuchtsort für alle. Und der war in Windeseile mindestens so populär wie der Berliner Wannsee.

Den Badehosen-Hit, der Conny zum ersten deutschen Kinderstar machen sollte, textete der Karikaturist Hans Bradtke in einer Viertelstunde bei der morgendlichen Rasur. Fast ein halbes Jahrhundert hatte es gedauert, bis die Tübingerinnen und Tübinger nach ihrem ersten Hallenbad auch ein ordentliches Freibad bekamen. Ein Evergreen ist das selbstverständlich auch! Und kein bisschen in die Jahre gekommen, denn es wurde gehegt und gepflegt und in den 1990ern noch einmal neu erfunden.  

Folge 1: Wie alles begann
Wie undenkbar Tübingen ohne sein Freibad ist, haben wir im Corona-Sommer 2020 gemerkt, als wir uns so lange „ohne“ gedulden mussten. Sehr viele Schwimmbegeisterte gibt es hier, in dieser Stadt mit drei Bädern, in der wir aktuell über ein weiteres, über noch mehr Wasserfläche diskutieren.  Woher kommt sie, die große Tübinger Wasserliebe? An einem runden Geburtstag gehört es sich, zurückzublicken. Und in diesem Fall am besten noch weiter als nur 70 Jahre – nämlich bis mitten ins 19. Jahrhundert: Erst da wird das Schwimmen modern. Die feine Gesellschaft entdeckt die Seebäder an Nord- und Ostsee. Man flaniert am Strand und wagt vorsichtig die Berührung mit dem nassen Element, gerne von Blick abgeschirmt in Badekarren, die ins Wasser gezogen werden. In Tübingen kommt zum Schwimmen nur der Neckar infrage – was sogleich Anstoß erregt. Offiziell erlaubt wird das Schwimmen nur weitab öffentlicher Wege und den Frauen gar nicht. In der Zeit der Krinoline, der Zylinder und der strengen Moralvorstellungen kann für die Damen ein „schicklicher Badeplatz“ nicht ermittelt werden, so das Tübinger Amts- und Intelligenzblatt 1851.

Elitär und exklusiv: die Badschüssel
Im selben Jahr – und damit genau 100 Jahre vor unserem Freibad – eröffnet die Universität am Mühlbach die „Akademische Bad- und Schwimmanstalt“, genannt „Badschüssel“. Auch sie ist ein reines Männervergnügen. Professoren genießen das Privileg einer abschließbaren Umkleide. Besondere Attraktionen sind schwimmende Balken und ein Floß mit Stocherstange.

So manche Tübingerin will sich mit dieser Situation nicht abfinden, wie Isolde Kurz, die 1874 dafür kämpft, dem weiblichen Geschlecht „wenigstens an einem Tag der Woche, und wäre es auch nur für eine Stunde“ das Schwimmbad zu überlassen. Nicht nur der Senat der Universität ist entrüstet: „Wie, man wollte die Fantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung vergiften, dass in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der Tür.“ So schildert es Isolde Kurz in Aus meinem Jugendland.

Das Hallersche Bad am Fuß des Österbergs 1868. Im Winter konnte man warme Bäder und Sturzbäder nehmen. Auch beim Hölderlinturm und beim heutigen Casino gab es Badehäuschen. (Quelle: Stadtarchiv Tübingen)

Doch um die Jahrhundertwende setzt ein neues Denken ein. Die Lebensreformbewegung propagiert Bewegung in Licht und Luft, natürliche Körperlichkeit gegen krankmachende Zivilisation. Vielerorts werden „Volksbäder“ eingeweiht, die zu Sport und Vergnügen ebenso wie zur Hygiene und Gesundheitspflege dienen. Und auch in Tübingen tut sich etwas. Oberhalb der Alleenbrücke richtet die Stadt eine Flussbadeanstalt ein: ein Holzbecken auf Pontons, ab 1908 sogar mit Frauen- und Kinderabteil (dem „Stall“), mit Aufsichtskabinen und Sonnenbad. Im Sommer zu Wasser gelassen, im Winter wieder abgebaut, besteht es bis zum Ersten Weltkrieg.

(Heute, da unsere Flüsse wieder sauberer sind, erleben Flussbadeanstalten ein Revival – besonders in der Schweiz. Wer mal in Zürich war, kennt vielleicht das nostalgische „Frauenbadi“ und das Männerbadi“ aus dem 19. Jahrhundert.)

Uhlandbad 1914 (Quelle: Stadtarchiv, Postkartensammlung Hartmaier)

Uhlandbad und Neckarstrand
1914 wird in Tübingen das Uhlandbad mit großem Tamtam eröffnet. Innovativ ist es und zugleich kostensparend dank einer Warmwasserleitung vom Gaswerk her. Die sorgt für internationales Aufsehen. Neben der Schwimmhalle, damals eine der größten weit und breit, bietet es Wannen- und Duschbäder, Dampfbad und Sauna.

Badevergnügen im Neckar, um 1925, vor dem Ausbau des Badeplatzes , Quelle: Stadtarchiv Tübingen, Postkartensammlung Hartmaier

Doch das Baden in freier Natur kann auch diese „Vorzeige-Anstalt“ nicht toppen. In den 20er-Jahren wird der offene Fluss oberhalb der Alleenbrücke zum Neckarfreibad. Kaum jemand hält sich an die strikt getrennten Badetage für Männer und Frauen; „unzüchtiges Treiben“ veranlasst empörte Leserbriefe. Kleidungsstücke überall auf den Wiesen, Grölen und Kreischen, laute Grammophonmusik – die „eingerissenen Badesitten“ beleidigen „den bürgerlichen Ordnungs- und Anstandssinn“ und beschäftigen wiederholt den Gemeinderat.

1930 baut die Stadt den Badeplatz aus, lässt den Neckar ausbaggern, eine Liegewiese, Umkleiden und Stufen am Ufer einrichten. 1933 fällt die Trennung nach Geschlechtern. Gleichzeitig schließt der Gemeinderat „Juden und Fremdrassige“ aus. 1945 enden die Kabinen des Neckarfreibads als Brennholz. Heutzutage entdeckt man genau diese frisch renaturierte Uferzone wieder. Ende der 1940er-Jahre aber ist klar: Der Neckar kann als Schwimmstätte auf Dauer nicht befriedigen – zu gering ist die Wassertiefe, zu trübe und schmutzig das Wasser. Ein echtes Freibad muss her!

„Wer will schon baden, um sich anschließend baden zu müssen?“
(Tagblatt-Leserzuschrift über das Baden im Neckar 1950)

„Bedenkt man nur, o welch ein Graus, wie schmutzig sah das Wasser aus:
Glas, Dreck und alte Dosen, auch faule Aprikosen,
und Ratten sowie tot Getier, die bildeten des Wassers Zier!“ (Tübinger Freibadschlager)

Die Werbetrommel wird gerührt
Schon erarbeitet das Tiefbauamt Pläne für ein Becken neben dem Neckar, jenseits der Lindenallee. 1937 war ein ähnliches Projekt noch gescheitert. Doch Geld ist auch nach der Währungsreform nicht vorhanden. Und so sammelt ein Werbeausschuss mit mit vielen Veranstaltungen wie Tanzturnieren und Turnvorführungen, mit dem Verkauf von „Bausteinen“ und 3.000 Litern „Patenwein“ der Weinhandlung Waiblinger über 23.000 DM ein. Auch Vereine und Firmen spenden. Und der Gemeinderat bewilligt in schwierigen Zeiten die Mittel, rund 700.000 DM, für diese „Herzenssache der ganzen Bürgerschaft“ (Oberbürgermeister Mülberger). Im Oktober 1950 können die Bauarbeiten für das neue städtische Freibad beginnen.

Die Eröffnung: „Kinder! So ein Freibad, ja, das ist doch schön!“
Am 16. Juni 1951 ist alles fertig: 3.000 Gäste schauen zu, wie Oberbürgermeister Dr. Wolf Mülberger nach den Festreden sein Sakko ablegt und das funkelnagelneue Tübinger Freibad mit einem Kopfsprung vom Dreimeterbrett einweiht. „Kinder! So ein Freibad, ja, das ist doch schön!“, erklingt ein eigens komponierter Schlager mit vielen etwas ungelenken Strophen (– ach hätte man doch schon Connys „Badehosen“-Song gekannt!). Nach dem Schwimmen der Honoratioren, nach dem Damen-Reigenschwimmen und dem Kunstspringen des Schwimmvereins folgt eine Bademodenschau. Eine „reizvolle Bereicherung“, schreibt das Tagblatt darüber und preist gleich noch den allerneuesten Schrei an: einen „unsinkbaren Badeanzug“ aus Gewebe mit integrierten Kautschuk-Luftpölsterchen.

Jetzt steht es endlich allen offen, das lang ersehnte Freibad! 50 Pfennig, ermäßigt 40 Pfennig kostet der Eintritt. Am Eröffnungstag nimmt auch ein Motorboot seinen Pendeldienst auf, das einige Jahre lang Badegäste von der Neckarbrücke zum Freibad und wieder zurückbringt.


Wie sah das Freibad aus? Wie kam es bei den Tübingerinnen und Tübingern an? Wie geht die Geschichte weiter? Davon handelt die nächste Folge, in der wir uns auf einen Spaziergang durch sieben Jahrzehnte begeben.

Quellen:

  • Stadtwerke Tübingen (Hrsg.): Als die Tübinger das Bad entdeckten, 1997
  • Vielen Dank Foto Kleinfeldt und dem Stadtarchiv Tübingen!

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