Wir machen Tübingen bunter

Mit Graffiti gegen Graffiti

Wie verhindert man Schmierereien auf Gebäuden und Anlagen? Mit gut gemachter Streetart! Das dachten sich die Stadtwerke Tübingen und riefen vor einigen Jahren eine Graffiti-Aktion ins Leben. Verschiedene Künstler sind – ganz legal – für uns im Einsatz und schmücken mit ihren Werken immer mehr technische Gebäude im Stadtgebiet: Trafostationen und Stromkästen, Wasserbehälter und Parkhäuser, Heizzentralen und Gasübergabestationen. Schon 2020 haben wir die Aktion hier vorgestellt. Was ist seither passiert? Welche Motive sind dazugekommen? Wir ziehen Zwischenbilanz und laden euch ein zur Streetart-Tour, Teil 2!

Ein gemalter Zoo: Fisch und Eisbär, Frosch, Schaf und Wiedehopf – alle zu sehen auf Stadtwerke-Anlagen

Streetart powered by swt

Sind Graffiti Vandalismus oder Kunst? Darüber wurde im Tagblatt und seinen Leserbriefspalten gerade mal wieder heftig diskutiert. Manche zeigen sich da tolerant, doch für viele sind Graffiti schlicht ein Ärgernis im Stadtbild. Die Tübinger Stadtverwaltung geht wieder härter dagegen vor, doch gerade frisch gereinigte Flächen ziehen neue Tags oder Graffiti geradezu magisch an. Auch Trafostationen sind begehrte „Opfer“: Bei einer Bestandsaufnahme 2018 war jede vierte unserer 220 Trafostationen arg verunstaltet. „Nehmen wir doch die Gestaltung selbst in die Hand“, sagte sich Johannes Fritsche, der bei den swt die Öffentlichkeitsarbeit leitet. Und er begann damit, ausgewählte Anlagen von Sprayern der Tübinger Szene gestalten zu lassen.

Bestimmt kennt ihr das ein oder andere Motiv. Mit „Mango“, „Looven“ oder „El Niño“ signieren ihre Schöpfer. Vor zwei Jahren haben wir unsere Graffiti-Galerie hier präsentiert: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Seither sind die swt sind drangeblieben – an vielen Standorten an allen Enden der Stadt. Ist das Konzept aufgegangen? Das will ich vom Initiator Johannes wissen. „Voll und ganz“, bestätigt er mir. Tatsächlich sind die Auftragswerke bisher nicht übersprüht oder zerstört worden – abgesehen von einer Edding-Schmiererei auf der Fassade des Österberg-Wasserbehälters. „Die Kollegen vom Netzbetrieb, die für die Anlagen zuständig sind, sparen die ständigen Säuberungskosten, und die gestalteten Flächen sehen so viel schöner aus als ein grauer Anstrich“, meint er.

Vom Ärgernis zum optischen Highlight

Doch darüber, was „schön“ ist, gehen die Ansichten bekanntlich auseinander. Wie sehen das denn die Anwohner:innen? „Bevor die beauftragten Künstler loslegen, informieren wir alle, die in direkter Nachbarschaft der Trafostation wohnen, per Wurfsendung“, erzählt Johannes. Protest habe es dagegen bisher nicht gegeben, dafür Lob für die Gestaltungspläne. „Auch die Graffiti-Künstler berichten uns immer wieder von positivem Feedback der Passanten und von interessierten Fragen, wenn sie vor Ort an ihren Werken arbeiten.“

Eine bunte Flohmarkt-Szene am Festplatz, ein Eichhörnchen an der Wilhelmstraße, Stickmuster am Egeriaplatz – die Motive dürfen die Künstler vorschlagen. Und unsere Kollegen vom Netzbetrieb wählen die Trafostationen aus. „Interessant sind vor allem solche, die von vielen Leuten gesehen werden“, sagt Johannes. „Und es wird berücksichtigt, ob nicht ohnehin irgendwelche Baumaßnahmen an der Station geplant sind. Da können wir das Graffiti als i-Tüpfelchen zum Schluss mit einplanen.“

„Wir setzen auf die Sprayer-Ehre, die davon absieht, Graffiti zu verschandeln.“

Die swt lassen sich das was kosten. Um verunstaltete Fassaden zu reinigen, fielen jedes Mal 25 bis 30 Euro pro Quadratmeter an. „Das läppert sich“, meint Johannes. „Da investieren wir lieber in einen schönen Hingucker und haben dann viele Jahre Ruhe an dieser Stelle.“ Auch andere Städte haben mit ähnlichen Projekten gute Erfahrungen gemacht. Er selbst begeistert sich sehr für die Kunstwerke des legendären Banksy. Sein Tübinger Lieblings-Motiv ist der Friedensvogel an der Steinlach von Looven.

Der Friedensvogel hat sich dort bereits 2019 niedergelassen.

Die meisten swt-Auftragswerke finden sich in den Randbereichen Tübingens. Mit dem Stadtplanungsamt gibt es eine Vereinbarung, dass große Graffitis an Trafostationen in der Innenstadt vorab abgestimmt werden. Und seit dem Frühjahr 2022 sieht man auch mitten in der Altstadt Graffiti-geschmückte Stromkästen. Keine Tiere diesmal, sondern Porträts von Menschen, die Tübingen geprägt haben. Die Anfrage kam vom ICFA, dem Institut Culturel Franco-Allemand. Und wir haben uns darüber richtig gefreut und die Flächen gerne zur Verfügung gestellt.   

Tübinger Köpfe auf Stromkästen

Das Institut Culturel hatte ein besonderes Kunstprojekt im Sinn, gemeinsam mit dem französischen Streetart-Künstler „C215“, mit bürgerlichem Namen Christian Guémy, der auf Porträts in Schablonentechnik spezialisiert ist. Die Initiative war vom Künstler selbst ausgegangen: ICFA-Leiterin Ariane Batou-To Van hatte ihn am Conservatoire national des arts et métiers, der Pariser Kunsthochschule kennengelernt. „Als er erfuhr, dass ich in Tübingen arbeite, in der Stadt, in der sein Vater seinen Militärdienst verbracht hatte, hat er mir vorgeschlagen, diesen Parcours für die Stadt zu machen“, erzählt sie. Sie war begeistert von der Idee, dem in Frankreich sehr bekannten C215 hier in Tübingen eine Plattform zu schaffen. Die Stadtverwaltung nahm das Angebot sofort an. Im März wurde der Streetart-Parcours zu Tübinger Persönlichkeiten offiziell eingeweiht.

Kommen wir nun zum „Who‘s who“ der Stromkästen: In der Bursagasse, in Nachbarschaft zu seinem Turm, finden wir den Dichter Friedrich Hölderlin. Der Astronom Johannes Kepler ist – wo sonst – rechts vor dem Kepler-Gymnasium zu sehen, der Philosoph Hegel, der zusammen mit Hölderlin im Stift studiert hatte, direkt gegenüber vom Stiftskircheneingang. Hermann Hesse, in der Neckargasse am Chor der Stiftskirche, schaut hinüber zur ehemaligen Heckenhauer`schen Buchhandlung, wo er als junger Mann in die Lehre ging. In der Marktgasse stoßen wir auf Michel Tournier – der ist vielleicht der unbekannteste der Reihe. Gästeführerin Andrea Bachmann weiß weiter: „Michel Tournier war einer der renommiertesten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Eltern waren beide Germanisten, alle Ferien seiner Kindheit hatte er in Deutschland verbracht. 1946 nahm er an einem von der französischen Besatzungsmacht organisierten Deutschkurs in Bad Teinach teil und studierte dann in Tübingen Philosophie – als einer der ersten Zivilisten und einer der ersten ausländischen Studenten hier. Später übersetzte er unter anderem Remarques Im Westen nichts Neues ins Französische. Deutschland und das deutsch-französische Verhältnis spielen in seinen Romanen und Essais eine wichtige Rolle. Der Erlkönig (Le roi des aulnes) heißt sein berühmtester Roman.“ Eine Symbolfigur für das deutsch-französische Verhältnis also. Genau wie diese gesamte Aktion!

Michel Tournier wollte den Franzosen Deutschland nahebringen.

Die einzige, die wir nicht auf einem Stromverteiler finden, ist die Scherenschnittkünstlerin Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms: Sie schmückt die Wand des Arsenal-Kinos, auf Wunsch der Betreiber.

Andrea Bachmann hat die Werke von C215 schon auf mehreren Stadtrundgängen vorgestellt: „Ich liebe diese Mischung aus konventionellem Porträt in Dreiviertelansicht wie wir es von Porträtfotos gewöhnt sind, den historischen Figuren und bunter Street Art. Außerdem sind diese ˏPochoirsˊ wirklich unglaublich gut gemacht: C215 arbeitet mit mehreren Schablonen, die er übereinanderlegt. Dadurch entsteht eine coole Tiefenwirkung.“

„Unserem gesamten Team gefallen die Porträts sehr gut“, sagt ICFA-Leiterin Ariane Batou-To Van, „ich mag besonders die von Hermann Hesse und Michel Tournier. Ich zeige sie allen Gästen, die wir empfangen, und wir bieten Touren für Schulklassen und alle Arten von Publikum an, um diese Werke zu entdecken. Wir bekommen sehr gute Rückmeldungen – ebenso wie das Kino Arsenal.“

Wir freuen uns über Graffiti-Ideen!

Solche kleinerformatigen Graffiti werden nun immer mehr Stromverteilerkästen der Stadtwerke erobern: Sehenswert sind auch die in der Kelternstraße und in der Salzstadelgasse, die auf Initiative der Anwohner:innen zustande gekommen sind.

„Anwohner, die Stromkästen in ihrer Nachbarschaft auf eigene Rechnung gestalten möchten, können gern bei uns anfragen und eine Genehmigung einholen“, sagt swt-Bereichsleiter Johannes Fritsche. „Wir vermitteln auch den Kontakt zu Künstlern.“ Notwendig sind vorab Fotos des betreffenden Stromverteilers, im nächsten Schritt dann ein Entwurf der geplanten Gestaltung zur Freigabe. (Infos zum Antrag findet ihr am Ende des Beitrags!) Einige Projekte sind gerade in Arbeit, zum Beispiel für Verteilerkästen beim Carlo-Schmid-Gymnasium.

Positives ermöglichen und gleichzeitig ein Übel loswerden – von diesem Konzept sind wir nach wie vor überzeugt. Streetart macht unsere Stadt noch ein bisschen schöner.

Übrigens, bei aller berechtigten Kritik an Wand-Schmierereien: Schon in der Antike war das Problem bekannt, und loswerden kann eine Stadt das wohl nicht. „Wand, ich bewundere dich, dass du noch nicht zusammengebrochen, so viel ödes Geschwätz bis du zu tragen verdammt“, lautet ein lateinisches Graffiti in Pompeji.

Und jetzt: Vorhang auf! Diese Motive sind 2021 und 2022 neu dazugekommen:

Mein Lieblingsmotiv ist momentan Loovens pelziges Eichhörnchen mit seiner Wunderkugel – es begleitet mich sogar als Bildschirmfoto durch den Arbeitsalltag.

Welches ist euer Favorit? Habt ihr Motiv-Ideen oder Anregungen für uns?
Wir freuen uns auf Rückmeldung!

Ihr wollt einen Stromverteilerkasten gestalten? Hier das Infoblatt dazu:

Unsere Künstler im Web:
– Looven auf Instagram: loovenart
– Mango auf Instagram: @mangomangone – https://mangone.myportfolio.com/about
– El Nino: https://www.marvindaumueller.de/

4 Gedanken zu „Wir machen Tübingen bunter

  1. Mein absoluter Favorit ist ebenfalls das Eichhörnchen!
    Was für eine tolle Arbeit, was für ein begnadeter Künstler!
    Tolle Idee von den Stadtwerken, großes Kompliment!!

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