Nächster Halt: Eine Geschichte

383 Bushaltestellen gibt es in Tübingen, mehr als das Jahr Tage hat! Ihnen widmen wir eine neue Serie, denn sie haben Interessantes zu erzählen. Was steckt hinter kuriosen Namen? Was verraten sie über unsere Stadt? Wo findet man die schönsten Aussichten? Auf zu einer besonderen Stadtrundfahrt!

FOLGE 2:
„Bismarckturm“ – mit dem TüBus zur Götterdämmerung!

Haltestelle Bismarckturm

Eine kleine Umfrage im Kollegenkreis ergab: Für uns ist die Haltestelle, die zur schönsten Aussicht Tübingens führt, die Endstation der Linie 9 namens „Bismarckturm“ am Ende des Burgholzwegs. Wenige Schritte nur – dann kann man wunderbar ins Neckartal oder ins Ammertal schauen. Oder auch in beide gleichzeitig. Hier verlaufen gleich mehrere Wanderwege – genau richtig für einen kleinen Ausflug mit dem Jobticket oder dem ticketfreien Samstagsbus! Wir haben das in den Ferien ausprobiert. Corona-Urlaub vor der Haustür sozusagen.

Ein „bizarres Bauerbe“
Zuerst zieht es uns zu dem Bau, der für die Bushaltestelle Pate stand. Seit mehr als 100 Jahren steht er auf dem höchsten Punkt des Schlossbergs: der Bismarckturm. Ein 16 Meter hoher Koloss. Seine wuchtige Form, kaum höher als die Bäume darum herum, gibt erstmal Rätsel auf. Tatsächlich war der Turm gar nicht als Aussichtsturm gedacht, sondern als ein Denkmal besonderer Art: als überdimensionierte Fackel nämlich. Mit einer großen Feuerschale auf dem Dach, um Gedenkfeuer zu entzünden, zu Ehren Bismarcks.

Modell Götterdämmerung. Mit Feuerschalen gekrönte Türme sollten Deutschland in ein Lichtermeer verwandeln.

„Bismarcktürme zählen zum bizarrsten Bauerbe, das es in Deutschland zu bestaunen gibt“, lesen wir auf der Webseite der Turmfreunde Tübingen. Der Reichsgründer Otto von Bismarck, skrupellos und genial und heute sehr umstritten, wurde seinerzeit unglaublich verehrt. Und zum Übervater der deutschen Nation erhöht, nachdem Kaiser Wilhelm II 1890 seinen Rücktritt als Reichskanzler erzwungen hatte. Straßen und Plätze und sogar der Bismarck-Hering wurden nach ihm benannt, übrigens auch Gurken, Äpfel und Zigarren. Keinem Politiker, Dichter oder Denker wurden je mehr Denkmäler gewidmet.

Ein Held der Jugend
Vor allem bei Studenten wurde „der eiserne Kanzler“, der sich gegen den Kaiser aufgelehnt hatte, zur Kultfigur. Als er am 30. Juli 1898 starb, kam die Idee auf, ihn mit einer Serie von Denkmälern zu ehren, „auf deren Spitzen an einem Gedenktag mächtige Feuerflammen durch die Nacht lodern“ sollten. Studentenorganisationen riefen zum landesweiten Turmbau auf. Ein Architekturwettbewerb wurde ausgeschrieben, den der Dresdner Architekt Wilhelm Kreis mit seinem Modell „Götterdämmerung“ gewann. Mehr als 40 Türme entstanden allein nach diesem Entwurf, vor allem in Universitätsstädten. Auch in Tübingen. Und hier wie anderswo wurde das Ganze finanziert mit Spenden der Studentenschaft – man stelle sich das heute mal vor! Allerdings brauchte es einige Anläufe, um die Baukosten aufzubringen (aus den geplanten 8.000 Mark wurden schließlich 23.000).

Am 7. Dezember 1907 war es so weit: Die Tübinger Studenten (damals noch weniger als 2.000) zogen mit Fackeln den Schlossberg hinauf. Mit Ansprachen des Unidirektors und des Bürgermeisters wurde der Turm eingeweiht. Und nicht nur er verrät von der Bismarck-Verehrung in Tübingen: 2-fache Ehrendoktorwürde, eine Straße, mehrere Bismarckeichen, sein Konterfei auf der Bonatz-Fassade der Unibibliothek – so die Bilanz.

Die Tübinger Blätter von 1907 zeigten den Turm auf der Titelseite. Er „fügt sich auch von größerer Ferne trefflich in die Landschaft ein“. Auch die Bebauung der Uhlandstraße und die Ausbaggerung des Anlagensees fielen in diese Zeit. Auf dem Schloss- und dem Österberg entstanden neue Villen der Burschenschaften.

Bismarcktürme überall
Von 240 Bismarcktürmen und -säulen stehen heute noch 173. In Deutschland und Frankreich (im damals annektierten Elsass), in Tschechien und Polen, sogar in Chile und in der einstigen Kolonie Kamerun. Der Tübinger Turm hat einen Zwilling in Metz und einen in Heidelberg, in Stuttgart, Marburg und Würzburg. Nicht jeder fand das so schön. Die Türme wurden etwa als „nationales Pechbrodelpfannenprojekt“ verulkt. In Göttingen, wo Bismarck selbst studiert hatte, nennt man den gedrungenen Feueraltar gerne „Elefantenklo“. Aber Leipzig zum Beispiel hält die Tradition hoch und befeuert seinen Bismarckturm wieder alljährlich zur Sommersonnenwende.

Wiederentdeckt im Lockdown

Der Tübinger Bismarckturm dämmerte lange im Dornröschenschlaf. 1959 sollen die Stadtwerke geplant haben, einen Wasser-Hochbehälter aus ihm zu machen – verwarfen das aber wieder. In den 70ern wurde er zugänglich gemacht, nach Vandalismus und Bränden wieder geschlossen. Saniert dank einer privaten Spende, konnte er eine Weile mit ausgeliehenem Schlüssel besichtigt werden. Auch das ist längst vorbei. Dass er Turm jetzt wieder regelmäßig offensteht, ist Bjørn Franke zu verdanken, Chef der Werbeagentur „Die Kavallerie“ und Turmpate: Bei einem Osterpicknick in der Coronazeit 2020 standen seine Kinder wieder mal frustriert vorm verschlossenen Turmtor. Noch am selben Abend ging eine E-Mail an die Stadt und der Verein Tübinger Turmfreunde e.V. wurde gegründet, der sich seither um das Denkmal kümmert. Bisher ohne Spenden oder Zuschüsse; die Mitglieder tragen sämtliche Investitionen selbst.

Was fasziniert ihn so an diesem Ort?
„Für mich ist der Bismarckturm einer der schönsten Plätze Tübingens“, sagt Franke. „Sein Sockel lädt zum Verweilen ein, und nirgendwo in Tübingen ist der Blick freier als von seinem Dach. Unser Ziel ist es, dieses Erlebnis wieder zu ermöglichen, diesen wunderbaren Ort zu beleben, der über sieben Jahre lang unzugänglich war. Pandemiebedingt konnten wir noch nicht regulär öffnen, trotzdem haben in den letzten Monaten schon über 800 Menschen den Turm bestiegen.“ Und die Ideen für kreative und kulturelle Aktivitäten, von Konzerten bis zu Kinderfreizeiten, sprudeln nur so.

Der Bismarckturm war Ausdruck nationaler Begeisterung und „deutscher Treue“. Das ist für uns heute nicht so leicht nachvollziehbar, ebenso wie die Leuchtfeuer und Fackelzüge. Damals protestierten die Studenten gegen Bismarcks Entlassung. Heute wird gegen Bismarck-Denkmäler protestiert, wegen seiner Rolle im Kolonialismus.

Darüber wurde im Verein viel diskutiert, erzählt Bjørn Franke: „Wir wollen den Ort neu deuten, ihn positiv besetzen und als Freizeitziel nutzbar machen, ohne politisch vereinnahmt zu werden. Dies kann nur gelingen, wenn man sich kritisch mit der Geschichte auseinandersetzt.“ Das tut der Verein mit einer Ausstellung im Inneren des Turms und mit einer informativen Website. Franke: „Sehr klar distanziert sich der Verein von der Bismarck-Verehrung und nennt sich deshalb auch TÜBINGER TURMFREUNDE e.V.“

Bringt mich zu der Frage, wie Heldenverehrung heute aussieht. Gibt es die? Würden wir Greta Thunberg auf einen Sockel stellen? Oder Angela-Merkel? Alles nicht mehr zeitgemäß in unserer „postheroischen Gesellschaft“, die nach ihren Politikern höchstens Zweckbauten wie Flughäfen benennt. Antike Heroen, Kriegshelden, Herrscher und Heilige haben als Denkmal ausgedient. Und eines der letzten in Tübingen enthüllten Denkmäler ist der bronzene „Ordinary Man“ von Zharko Basheski am Egeriaplatz (2017): Kein Held. Er steht für uns alle, die wir uns täglich anstrengen, über uns hinauszuwachsen.

Nun, wer die Chance hat, den Bismarckturm zu besteigen, sollte das tun und von oben den tollen Rundumblick genießen. Falls zu ist: Ein paar Meter Richtung Schloss kommt der schöne Aussichtspunkt Lichtenberger Höhe.

Und so sah der Blick von der Lichtenberger Höhe ins Neckartal 1907 aus. Schon 1891 hatte Kaiser Wilhelm I. „seinen“ Turm auf dem Österberg bekommen. Quelle: Tübinger Blätter

Genug Theorie, jetzt wird gewandert!
Möglichkeiten gibt es viele auf dem Spitzberg: Der Klassiker ist die Route über den Bergkamm bis zur Wurmlinger Kapelle. Die nehmen auch wir und wandeln auf den Spuren der Jakobs- und Martinus-Pilger und auf dem Ludwig-Uhland-Liederweg.

Wir bleiben auf dem Scheitelweg durch schattigen Wald, wo uns an diesem Ferien-Samstag kaum jemand begegnet. Auch das Bänkle mit 1-A-Aussicht auf die Wurmlinger Kapelle ist frei. Hier machen wir ein Erfrischungs-Päuschen.

Was für ein Blick – natürlich auch von Uhland besungen.

Beim Rastplatz „am Sattel“ unterhalb der Kapelle teilen sich die Wege wieder: Man kann auf dem Kapellenwegle hinaufsteigen. Oder zurück über die Nordseite des Spitzbergs wandern, im Schwärzlocher Hof einkehren oder Erdbeeren auf dem dortigen Erdbeerfeld pflücken und dann den TüBus der Linie 11 ins Zentrum nehmen.

Auf dem Hirschauer Spitzbergwegle
Wir entscheiden uns für eine dritte Variante und biegen ab auf das „Hirschauer Spitzbergwegle“, laufen am Südhang des Spitzbergs entlang, vorbei an neuen und an lange aufgegebenen Weinterrassen. Wie aufwändig es ist, solche Steillagen zu bewirtschaften, kenne ich von meiner Heimat am Rhein. Wie schön, dass sich Ehrenamtliche die Mühe machen, die zahllosen Mäuerchen und Steinstaffeln hier zu erhalten – ein wahres Paradies für Eidechsen: Ständig rascheln es neben uns. Das Naturschutzgebiet Hirschauer Berg, so lernen wir von den Infotafeln, bildet eine „Wärmeinsel“ im Neckartal. Ja, das können wir unterstreichen. Richtig heiß brennt die Sonne hier. Ein paar Zahlen gefällig: bis zu 70 Grad Bodentemperatur, 2000 wärmeliebende Pflanzenarten (mit so schönen Namen wie Zottige Fahnenwicke und Ungarische Platterbse), fast 90 Schnecken- und 1300 Käferarten.

Der Weinberg bringt uns nochmal zurück zu Bismarck. Die Sammlung der Tübinger UB besitzt folgende von ihm handschriftlich notierte Weisheit:

Wenn sich der Deutsche seiner Kraft recht bewußt werden soll, dann muß er erst eine
halbe Flasche Wein im Leibe haben oder besser noch eine ganze. (1892)

Der Genießer und Weinkenner, nach dem so viele edle Tropfen benannt sind, musste es ja wissen. Auch wir freuen uns jetzt auf unseren „Schoppen“ daheim.

Am Rastplatz „Holzacker“ kann man den Weg hinunter nach Hirschau nehmen und von dort mit dem 18er-Bus zurück nach Tübingen fahren. Der passiert übrigens nach dem Ortsausgang am Spitzberg das Waldstück, wo einmal Bären und Affen, Löwen, Leoparden und Seehunde lebten. 1907 – im Jahr des Bismarckturms – wurde hier Tübingens Tiergarten eröffnet, der bis zum Ersten Weltkrieg bestand. Gemauerte Höhlen und überwucherte Ruinen sollen da noch sein – aber die suchen wir ein andermal.

Autorin Birgit Krämer

Info
Sobald es pandemiebedingt möglich ist, soll es feste, nur noch vom Wetter abhängige Öffnungszeiten geben (Siehe Tagespresse). Besuchergruppen können den Schlüssel auch beim TÜBINGER TURMFREUNDE E.V. ausleihen. 

info@turmfreunde-tuebingen.de
http://turmfreunde-tuebingen.de/

Habt ihr eine Lieblings-Bushaltestelle? Wo hattet ihr besondere Begegnungen? Welchen Namen hättet ihr gerne erklärt? Schreibt uns!

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