Der Tübinger Solarthermiepark in der Au ist mit 12.000 Quadratmetern Kollektoren einer der größten Deutschlands. Wer auf der B 27 in die Stadt fährt, kann ihn kaum übersehen zwischen der Recyclingfirma Möck und dem Wäldchen um den Au-Brunnen. Seit Oktober 2025 erzeugen die Stadtwerke hier aus Sonnenenergie Wärme fürs Fernwärmenetz. Wie das funktioniert, will ich herausfinden und folge zusammen mit unserem Projektleiter David Pätzold vom „Technischen Anlagenbetrieb“ dem Weg der Sonnenwärme. Kommt mit!

Die Rekordhitze macht uns zu schaffen in diesem Sommer! Wenn man sich nach Abkühlung sehnt, gar nicht genug Eis essen kann und unser Freibad überquillt, liegt das Thema Heizen in weiter Ferne. Dass unser Wärmebedürfnis in der kalten Jahreszeit groß und teuer ist und die Umwelt erheblich belastet, hören wir nicht gern. Doch um die Wärme soll es jetzt gehen. Und um eine Wärmeversorgung, die möglichst ohne fossile Brennstoffe auskommt.
Bereit für die Tübinger Wärmewende
Tatsächlich erzeugt das Heizen etwa die Hälfte der CO2-Emissionen in Tübingen, hat die Universitätsstadt berechnet und sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2030 sollen 50 Prozent der von den Stadtwerken verteilten Fernwärme aus erneuerbaren Quellen stammen. Aktuell erzeugen wir diese noch überwiegend in Erdgas-BHKWs. Solche „Blockheizkraftwerke“ sind, da sie Strom und Wärme zugleich produzieren, immerhin wesentlich effizienter als private Gas- oder Ölheizungen. Doch das Gelbe vom Ei sind sie nicht. Besser ist da das Klärgas-BKHW, das Wärme ins Quartier Alte Weberei schickt, oder die Abwärme der Textilfirma Rosch, die ebenfalls im Netz landet. 2025 kam für uns der Top-Wärmelieferant der Natur dazu: die Sonne.
Die Sonne einfangen
Im Sommer schickt die Sonne ihre unerschöpfliche Energie mit einer Leistung von 1.000 Watt pro Quadratmeter auf die Erde. Zu abstrakt? Hier ein Vergleich: Mit 1.000 Watt könnte man einen Staubsauger oder eine Mikrowelle betreiben. Oder ein 12,5 m² großes Zimmer heizen. Aber wie kommt man ran an die Energie? Wie kann man sie einfangen? Und sogar noch vermehren? Und dahin transportieren, wo sie benötigt wird?
Mir fallen da aus ferner Schulzeit die Schildbürger-Geschichten ein – kennt ihr die? Da versuchen die Bürger von Schilda mit Säcken und Töpfen das Sonnenlicht einzufangen und es in ihr neues Rathaus zu tragen, bei dem sie die Fenster vergessen haben. 😉 In Tübingen kommen solche Fehlplanungen natürlich niemals vor. 😉 Wir wissen die Sonne zu nutzen: Solarparks und massenweise Dachanlagen produzieren Strom mit Hilfe von Photovoltaik. Manche Privathäuser haben auch Solarthermie-Kollektoren auf dem Dach, die Wärme erzeugen. Das machen die Stadtwerke nun auch im großen Stil.

Einer der größten Solarthermieparks Deutschlands
Der Solarthermiepark Au war mit rund 12.000 m² Kollektorfläche bei seiner Einweihung der drittgrößte bundesweit. Vor ein paar Wochen hat uns Leipzig überholt, wo eine 5-mal größere Anlage ans Netz ging, in Baden-Württemberg hält Ludwigsburg mit fast 15.000 m² den Rekord.
Achtung, da kommen noch mehr Zahlen: Unsere Tübinger Anlage liefert mit 7 Megawatt Leistung rund 6.000 Megawattstunden Sonnenwärme pro Jahr, was dem Verbrauch von 400 Einfamilienhäusern entspricht. Theoretisch – denn praktisch wird die Wärme vor allem im Sommer und in den Übergangsmonaten erzeugt. Und ja: Auch dann braucht man sie, vor allem für die Warmwasserbereitung. Eiskalt duschen wollen ja selbst im heißen Sommer nicht alle. Jetzt, im Juli, liefert der Solarthermiepark 90 bis 100 Prozent der Wärme im Südstadtnetz, das vom Französischen Viertel bis nach Derendingen verläuft.
Die zwei Türme
Schon aus der Ferne ist der mächtige silberne Wärmespeicher zu sehen. 1.250 m² Heißwasser kann er fassen, mehr als 1/3 des Schwimmerbeckens im Freibad. So sichert er die Versorgung auch an sonnenfreien Tagen – und soll künftig auch Wärme aus anderen Anlagen speichern. Der zweite, schlankere Zylinder ist die Druckerhaltungs-Anlage. Wie der Name sagt, sorgt sie dafür, dass der Druck im Wärmenetz im zulässigen Bereich bleibt. Innendrin gleicht ein Stickstoff-Polster das je nach Temperatur schwankende Volumen des Heizwassers aus und verhindert so Schäden an den Leitungen.
Wie funktioniert ein Kollektor?
Nun aber auf ins Herz der Anlage! Wir spazieren ein Stück zwischen den langen Reihen schräg ausgerichteter Kollektoren, die zusammengenommen eine Fläche von 1 ½ Fußballfeldern einnehmen. „Das sind Vakuum-Röhrenkollektoren“, erklärt David. Eine Röhre besteht aus zwei Glas-Schichten, dazwischen ist ein Vakuum – so hält sich die Wärme im Inneren wie in einer Thermoskanne. Die innere Röhre trägt eine schwarze Absorber-Schicht. Trifft Sonnenlicht darauf, wird es in Wärme umgewandelt. Dass dunkle Oberflächen Lichtstrahlen gut absorbieren, merkt jeder, der im Sommer mit schwarzen Kleidern herumläuft. 😊
„Wärme“ = heißes Wasser
Im Inneren jedes Kollektors verläuft ein dünnes, mit Wasser gefülltes Metallröhrchen, das die Wärme aufnimmt und abtransportiert. Damit das bei jedem Sonnenstand und auch bei bewölktem Himmel optimal funktioniert, sind unter den Röhren Parabolspiegel angebracht, konkave Alurinnen, die die Sonnenstrahlen aus jedem Einfallswinkel gezielt in die Mitte lenken. „Diese Technik ist besonders effizient. Wir wollten ja eine möglichst hohe Energieausbeute haben“, so David. Das Wasser, das mit etwa 60 Grad ankommt, erhitzt sich auf 90 bis über 100 Grad. Erstaunlich ist, dass sich die Kollektoren und Spiegel von außen richtig kühl anfühlen. Selbst an einem sehr heißen Tag wie heute. Ich hab’s ausprobiert. 😊


Da ich es gerne anschaulich haben will, rechne ich nach: Würde man alle 2.464 Röhren-Kollektoren aneinanderlegen, wären das fast 4 Kilometer, von hier bis hinter den Campingplatz am Neckar. 😊
Heureka!
Neu ist das Prinzip übrigens nicht, schon die alten Griechen nutzen es: Archimedes – genau der, der in seiner Badewanne über Dichte und Verdrängung rätselte und dann „Heureka“-rufend durch Syrakus rannte – erkannte die Bedeutung von Brenn- und Hohlspiegeln. Mit einem solchen soll er die römische Flotte bei einer Belagerung in Brand gesetzt haben.
Wasserschutz und Schäfchen
Zurück zu unseren Tübinger Kollektoren: Das erwärmte Wasser fließt in einer Sammelleitung unterirdisch zur Technikzentrale. Übrigens ist das hier tatsächlich reines Wasser – ohne Frostschutzmittel, denn wir sind in einer Trinkwasserschutzzone (II). Der Au-Brunnen im Wäldchen nebenan war lange der wichtigste Tübinger Grundwasserbrunnen und dient immer noch als Reservebrunnen. Also kein Glykol. Damit die Solaranlage trotzdem nicht einfriert, temperieren wir das Wasser im Winter ganz leicht mit Wärme aus dem Fernwärmenetz. Auch durfte das Erdreich nicht verdichtet werden, die Ständer wurden ohne Fundamente in den Boden gerammt. Grünes Licht gibt es jetzt für Schafbeweidung: „Ab August rücken die tierischen Rasenmäher an – eine Herde unseres swt-Kollegen Stephan, der nebenbei Schäfer ist“, erzählt David.

Und was passiert, wenn Schnee fällt – oder Saharastaub?„Wir reinigen die Anlage nicht, Staub wird vom Regen abgewaschen, und bei Schnee gibt’s eh keine Wärme. Übrigens halten die Röhren Hagelkörner bis 3 cm Durchmesser aus!“
Wie läuft’s? Erste Erfahrungen
Das erste Betriebsjahr ist fast rum – und die Bilanz positiv, berichtet David: „Selbst bei mäßigen Außentemperaturen bis 18 Grad schaffen es die Kollektoren auf 90 bis 95 Grad. Schon bis Sommeranfang wurde über die Hälfte des erwarteten Jahresertrags erzeugt. Damit sind wir sehr zufrieden. Vermutlich wird das noch mehr, wenn wir Südstadt- und Innenstadtnetz zusammengeschlossen und noch mehr Abnehmer haben.“
Blick in die Technikzentrale
Noch haben wir nicht geklärt, wie der Weg der Wärme weitergeht. Dazu betreten wir die Technikzentrale – in die ihr auch vom Radweg her durch ein großes Fenster schauen könnt. Hier kommt das erhitzte Wasser an. Über Wärmetauscher gibt es seine Wärme ab an das Wasser, das im Fernwärmenetz zirkuliert, und fließt dann abgekühlt zurück zum Kollektorfeld. Die Wärmetauscher, große silberne Kästen, sind also das Bindeglied zwischen zwei Kreisläufen. Falls im Wärmenetz gerade kein Bedarf herrscht, wird Heißwasser in den Speicher nebenan geleitet. Die Pumpen, die alles in Bewegung halten, kriegen ihren Strom von einer PV-Anlage auf dem Dach.

Sonne satt – was dann?
Was passiert, wenn niemand Wärme braucht und der Speicher voll ist – in einer Hitzeperiode wie jetzt gerade? „Dann geht die Anlage in Stagnation“, erklärt David. Das Wasser im Kreislauf wird immer heißer und beginnt zu verdampfen. Der Dampf wird in einen Stagnationsbehälter geleitet – und sobald die Temperaturen sinken, etwa über Nacht, kondensiert er wieder, und das Wasser setzt seinen Weg durch den Kreislauf fort. Ist viel Wasserdampf im Behälter, kommt es zu einem lauten „Puff“ (wieso nur denke ich dabei an Loriot?) und er entweicht über einen Abzug nach draußen. Also: keine Sorge, falls ihr mal eine dicke Dampfwolke aufsteigen seht – das ist ein normaler Schutzmechanismus. 😊

Schattenseiten der Solarthermie
Wo Licht ist, ist auch Schatten – und so ganz unumstritten ist Solarthermie nicht. Zum einen ist sie ein Saison-Geschäft. Im Sommer, wenn die Sonne am meisten scheint, wird natürlich nicht viel Wärme gebraucht – doch den Grundbedarf für Warmwasser in den Haushalten können wir nun mit Sonnenenergie decken.
Zum anderen benötigt eine Freiflächenanlage wie unsere viel Platz. „Die Frage kommt oft, weshalb wir keine Dachanlage gebaut haben“, berichtet David. Wir betreiben ja in Dettenhausen zusammen mit Ritter Sport eine Energiezentrale mit – haltet euch fest! – Deutschlands größter Solarthermie-Dachanlage. Diese sind aber wegen der schweren Module in großem Format baurechtlich oft problematisch. Auf der grünen Wiese, am besten mit Fußballfelder-Dimensionen, geht’s leichter. „Wir können viel mehr Wärme an einem Ort erzeugen und brauchen die ganzen technischen Komponenten nur einmal. Das ist günstiger und effizienter“, so der Experte.

Und dann noch der Papierkram
Als David 2019 bei den swt anfing, schrieb er seine Masterarbeit über „CO2-Reduzierung der Fernwärmeversorgung in Tübingen“, wurde dann Projektingenieur für innovative Quartierskonzepte. Der Solarthermiepark war sein erstes großes Bauprojekt. Und – wie das halt so ist – verbunden mit einer Menge Papierkram. Flächensuche, Gutachten, Bebauungsplan, Wasserschutz-, Bodenschutz-, Fördermittel-Anträge, Bauantrag … Dann endlich ging im Januar 2024 der Bau los. Im Oktober 2025 ging die Anlage in Betrieb.
Rückblickend sagt David: „Ich hatte dabei eine steile Lernkurve, habe viel Fachwissen und praktische Erfahrungen gesammelt. Die Zusammenarbeit mit Planern, Unternehmen und Behörden war komplex. Vor allem die einzelnen Baugewerke unter Termin- und Kostendruck zu koordinieren. Super war die Einsatzbereitschaft meiner Kollegen: Auch bei Planänderungen oder spontanen Terminen vor Ort konnte ich mich jederzeit auf sie verlassen.“








Das Sonnendeck des Wärmedampfers
15 Millionen Euro hat der Solarthermiepark gekostet (vom Bund gab‘s 5,7 Millionen Euro „Bundesförderung Effiziente Wärmenetze“). Er vermeidet 880 Tonnen CO2 im Jahr und macht uns ein Stückchen unabhängiger von Erdgas und internationalen Krisen.
Doch natürlich ergibt er nur Sinn im Zusammenspiel der gesamten Wärmestrategie, für die die Stadtwerke insgesamt 250 Millionen Euro in die Hand nehmen. Der zentrale Baustein wird beim Tübinger Klärwerk entstehen: eine Abwasser-Wärmepumpe, die bald mehr als 2.000 Mehrfamilienhäuser versorgen soll. Klingt in meinen Ohren so unglaublich wie „Stroh zu Gold spinnen“. Auf 60 Prozent erneuerbare Fernwärme insgesamt will man damit kommen. Damit sie die Menschen auch erreicht, bauen die Kollegen seit einigen Jahren das Netz massiv aus. 73 Kilometer misst es bereits – im Vergleich mit anderen Städten sehr beachtlich.
Meilensteine am Weg zum Ziel
Auch weitere Meilensteine zur Wärmewende sind schon geschafft: Zum Beispiel der „Neckardüker“, eine Leitung unter dem Fluss hindurch, die bisher getrennte Wärmenetze miteinander verbinden soll. Kürzlich ging in Derendingen eine Pellet-Heizzentrale in Betrieb. Und ja, eine Kröte müssen wir schlucken, denn für den Übergang und als Ersatz für ältere Heizzentralen brauchen wir noch ein weiteres erdgasbetriebenes Heizwerk, das später als Reserve für Spitzenlastzeiten dienen soll.


„Dass Tübingen schon früh auf Fernwärme gesetzt hat, war wirklich vorausschauend“, meint David. Die Stadt hatte 1981– unter dem Eindruck der Ölkrise, des Waldsterbens, der Anti-Atomkraft-Proteste und mit großer Bürgerbeteiligung – ein vielbeachtetes Energiekonzept formuliert. Wegbereiter unserer Wärmestrategie von heute.
Spielen, Klettern, Sporteln, Ruhen
Nebenbei hat der Solarthermiepark den Anwohnerinnen und Anwohnern einen richtigen kleinen Park beschert. Ein Wunsch aus der Bürgerschaft. Das an die Eisenbahnstraße angrenzende Stück des Geländes wurde als Freizeit- und Erholungsfläche geplant, der frisch angelegte Spielplatz am 11. Juli 2026 eingeweiht. Es kamen Familien aus dem benachbarten Güterbahnhofareal, und wir öffneten die Tore unseres Solarthermieparks, der von Groß und Klein besichtigt wurde.






Besucher willkommen!
„Eigentlich waren Führungen nie so mein Ding“, gesteht David. Doch mittlerweile hat er Spaß daran, „seine“ Anlage zu zeigen, bei jungen Menschen das Interesse an erneuerbaren Energien zu wecken und sich mit Besuchern, oft vom Fach, auszutauschen. So hat er auch Grund, alle paar Wochen mal vorbeizuschauen in der Au. Denn die Zeit ist um, in der er ständig hin und her flitzte zwischen Büro und Baustelle. Jetzt gehen hier die Monteure vom Technischen Anlagenbetrieb ein und aus. Auf David warten andere Aufgaben: Er soll ein technisches Controlling für die Erzeugungsanlagen aufbauen, das Daten intelligent auswertet – für bessere Prozesse und wirtschaftliche Entscheidungen. Statt Sonnenstrahlen wird er Daten sammeln.

Zur Autorin:
Am Tag der offenen Tür im Solarthermiepark durfte auch Birgit Krämer Führungen machen. 😊 Wenn sie zuhause im Sommer die Dusche aufdreht, kommt sonnenerwärmtes Wasser raus: dank einer Solarthermieanlage auf dem Dach.
Weiterlesen? Wir haben noch mehr zum Thema Wärme für euch:
- Innovativ: Tübingens erste Fernwärmeleitung gab es bereits 1914, um das Wasser im Uhlandbad zu erwärmen: https://blog.swtue.de/geschichten-aus-dem-uhlandbad/
- Welche Herausforderung es war, das Tübinger Schloss auf dem Schlossberg für Fernwärme zu erschließen, erzählt der Projektleiter: https://blog.swtue.de/moderne-waerme-fuer-eiszeitpferdchen/
- Wie die kommunale Wärmeplanung funktioniert, erklärt der Klima- und Umweltbeauftragte Tübingens, Bernd Schott: https://blog.swtue.de/tuebingen-heizt/

